Dieser zeitreisende Hamburger auf TikTok ist erst der Anfang

einer neuen Form des Storytellings

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TikTok x Zeitreisen x Vibes

Im Jahr 2027 wacht eine namenlose Person in Hamburg aus einem Koma auf. Sie irrt durch das Krankenhaus, dann durch die Straßen der Stadt. Und überall… kein Mensch zu sehen. Unser aus dem Koma Erwachter ist, so scheint es, der letzte Mensch auf der Erde.

Diese Story erzählt der TikTok-Account @futuresurvival seit einigen Wochen in einer Reihe von kurzen Videos. Eine Erklärung dafür, wie seine Aufnahmen in die Vergangenheit des Jahres 2021 zurückreisen, bleibt der Kanal bislang schuldig. Trotzdem gibt er sich Mühe, alles so echt wie möglich erscheinen zu lassen: @futuresurvival ist eine fiktionale TikTok-Serie, die so tut, als wäre sie ein reales übernatürliches Phänomen.

Die Videos führen das Publikum durch ein leeres Krankenhaus, durch leere Einkaufszentren, Flughafenhallen und Supermärkte. (womit sie beweisen, dass es im Jahr 2027 immer noch DirTea in den Regalen gibt 🤷🏻). Es sind gespenstische Aufnahmen, die an die Hochzeiten des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 erinnern. Eine erkennbare Story erzählt @futuresurvival bislang noch nicht - trotz einiger Andeutungen, dass es einen Grund geben könnte, warum all das passiert. Doch dieses fiktionale Format konzentriert sich auch nicht auf Handlung, sondern auf Stimmung.

Besonders interessant ist, wie @futuresurvival mit seinem TikTok-Publikum umgeht, welches ihm wohl die Nachrichten sechs Jahre in die Zukunft beamt. So besucht er Orte, die ihm in Kommentaren vorgeschlagen werden, vergrößert Details aus Videos, auf die in Kommentare aufmerksam gemacht werden, und findet sogar einen (angeblich) für ihn versteckten Gegenstand.

Das Konzept trifft auf ein großes, wenn auch nicht gigantisches Publikum - fast jedes der TikToks bekommt sechsstellige Aufrufzahlen. Noch deutlich erfolgreicher ist @unicosobreviviente, ein spanischer TikTok-Account, der schon einige Monate länger aktiv ist - und exakt dieselbe Idee verfolgt. Ich gehe im Moment davon aus, dass @futuresurvival sich einfach von @unicosobreviviente hat inspirieren lassen, seinen eigenen Kanal zu starten und dass es sich nicht um eine koordinierte Aktion handelt, ein Cinematic Universe der TikTok-Zeitreisenden zu starten.

Egal wo diese Kanäle hinführen, ich finde sie ziemlich spannend. Vor allem, weil sie zu den ersten Beispielen von organisch gewachsenen TikTok-Accounts zählen, die auf fiktionale Inhalte setzen (auch wenn sie den naiveren Mitgliedern ihres Publikums vorgaukeln, echt zu sein).

Die Kanäle fügen sich auch ziemlich nahtlos in die Reihe anderer Geschichten ein, die neue Medien in der Geschichte als erste fiktional aufgewühlt haben. Traditionell verläuft die Entwicklung von Medienformaten oft immer nach dem gleichen Muster: Ein Medium wird erfunden und erst einmal von Non-Fiction-Inhalten bevölkert. Aber die Geschichtenerzähler der Welt sind von Sekunde 1 besessen davon, die neu entstehenden Konventionen für spannende Stories auf den Kopf zu stellen.

  • In seinem Krieg der Welten inszenierte Orson Welles 1939 ein Hörspiel in der Anmutung der Live-Ausstrahlung eines Radiosenders.

  • Der YouTube-Channel lonelygirl15 präsentierte sich im Jahr 2006 als ganz normaler Vlog-Kanal, bis schließlich merkwürdige und unheimliche Dinge im Hintergrund der Videos zu sehen waren. Kurz darauf wurde das Format als fiktiv enthüllt.

  • Das Podcast-Hörspiel "Limetown" wurde 2015 im Format eines investigativen True Crime-Podcasts ausgestrahlt.

Nun gibt es TikTok, und damit eine neue Spielwiese mit ihren eigenen Regeln: TikTok lässt keine Möglichkeit für lange Folgen oder akustische Spielerien - TikTok ist eine primär visuelle Plattform, in der kurze Videoclips in willkürlich anmutender Reihenfolge ausgespielt werden. Das bedeutet: Wer hier eine “Serie” starten will, muss damit leben, dass das Publikum die Videos in jeder denkbaren Reihenfolge angezeigt bekommt - und einige Videos gar nicht. @futuresurvival ist um diese Tatsache herum konstruiert. Zwar gibt es in den Clips immer wieder Rückbezüge und subtile Weiterentwicklungen - trotzdem ist jedes TikTok so entworfen, dass es auch das erste Mal sein könnte, das man den Kanal entdeckt.

Klassische Konventionen westlicher Narrative (3-Akt-Struktur, Protagonist vs Antagonist, usw) finden sich hier nicht. Stattdessen tritt etwas anderes in den Vordergrund. Die TikToks möchten keine Geschichte erzählen, sondern eine Stimmung erzeugen, Aufmerksamkeit erregen, etwas beim Zuschauer auslösen. Jedes TikTok von @futuresurvival ist eine ausgestreckte Hand, und erst wenn man sie ergreift, per Klick aufs Profil, Like, Teilen oder Zu Ende schauen (was alles dem Algorithmus signalisiert, in Zukunft mehr vom Kanal auszuspielen), kommt die tiefere Bedeutung der Geschichte hinzu.

Diese Art von ausgestreckter Hand hat einen Namen.

Die Rede ist vom Vibe.

Es gibt mittlerweile jede Menge spannende narrative Produktionen auf TikTok. Und fast alle konzentrieren sich in erster Linie auf den Vibe, und erst in zweiter auf die Story. Heraus kommen dabei David Lynch-artige surreale Meisterwerke, aber auch aus dem Leben geschnittene Schnappschüsse, in die allerlei hineininterpretiert werden kann. Dieses TikTok, in dem eine junge Frau zwei Menschen auf einer Party interessiert beobachtet, transportiert in nur 5 Sekunden Laufzeit so viel, dass die Kommentare voll sind mit Userinnen, die sich basierend auf diesem Moment eine Netflix-Serie wünschen.

Vibes erwischen uns unerwartet. Sie vibrieren (wie der Wortursprung verrät) nach und hinterlassen in unserem Kopf ein Summen, das uns verfolgt. Ein Vibe ist ein skateboardender Safttrinker, der im Alleinroll Fleetwood Mac wieder in die Charts holt. Ein Vibe ist eine junge Frau auf Rollschuhen in den Straßen von Los Angeles. Ein Vibe ist jedes Medium, das spontan und plötzlich echten mentalen Kontakt mit uns herstellt.

Man unterscheidet hier übrigens lose zwischen Vibes und Moods. Vibes sind in der Regel vertikal; d.h. ein schnell überschaubares, aber sehr präsentes und kraftvolles Signal. Moods sind in der Regel horizontal, d.h. in die Länge gezogen und sowas wie die mentale Hintergrundmusik zu unserem Alltag. Ein stimmungsvolles TikTok ist ein Vibe. Ein stundenlanges Ambient-Sound-YouTube-Video ist ein Mood. Und mehrere verwandte Vibes und Moods zusammengenommen sind dann eine Aesthetic. Wie bei vielen dieser Phänomene werden die Begriffe ständig anders benutzt, also bitte schick mir keine bösen Briefe, wenn du einmal siehst, dass jemand einen Mood als einen Vibe bezeichnet.

Das Spannende an Vibes ist, wie viel Platz sie dem Publikum lassen. In unserer von Reizüberflutung und schreienden Content Creatorn geprägten Online-Landschaft sind die schönsten Momente oft die, die darauf verzichten, mitzuschreien. Die sich zurücklehnen. Und ihren Zuschauern überlassen, sich selbst in den Moment hineinzudenken. Wie die besten Geschichten entstehen Vibes erst im Auge des Betrachters.

Der immer fantastische Autor Kyle Chayka schrieb dieses Jahr für den New Yorker über seine eigenen Erfahrungen mit Vibes auf TikTok:

The vibes are all around us, for the taking. You don’t have to be a poet or philosopher, don’t even have to post anything online. All you have to do is notice.

Vibes sind wie ein Song im richtigen Moment, oder ein vertrauter Duft. Sie können uns, für einen Moment, in einen anderen Geisteszustand transportieren. Und diese Tatsache macht TikTok - neben so vielem anderen - zu einer so mächtigen Social Media-Maschine. TikTok ist ein Vibe-Generator wie keine andere Plattform im Web.

Bisher beschränkt sich die TikTok-Vibes-Industrie noch auf “geernete” Vibes - sie werden aus dem Leben gepflückt, eingesammelt und kuratiert. Aber die industrielle Vibes-Produktion legt gerade erst los. Und wenn ein zeitreisender Hamburger erst der Anfang ist - wo führt uns das wohl noch hin?


Außerdem

  • Ich - und sehr viele andere - haben vor einigen Wochen ein TikTok von einem Muslim ausgespielt bekommen, der erklärt, dass Vollkasko-Versicherungen haram (d.h. verboten) seien. Haftpflicht aber wäre okay. Turns out, der Typ im Video ist Salafist und wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Für TikTok aber wohl kein Ding. br.de

  • Viele Afghaninnen und Afghanen müssen ihre digitalen Existenzen vernichten - aus Angst vor Verfolgung durch die Taliban. wired.co.uk

  • Roblox - in meinem letzten Newsletter noch relativ unkritisch kurz vorgestellt - ist angewiesen auf die Arbeit junger Games-Entwickler. Doch die werden von den Gewinnen der Firma bewusst ferngehalten. Roblox ist und bleibt ein Unternehmen, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als es von der Presse aktuell bekommt. youtube.com

  • OnlyFans. Ich weiß auch nicht. In der Zeit zwischen meinem letzten und diesen Newsletter ist so viel passiert. Wenn du noch Nerven für die Geschichte hast, ist der hier verlinkte englischsprachige Vice-Artikel vermutlich die beste Adresse. Wenn du keine Ahnung hast, worum es geht: Die ersten Absätze fassen es ganz gut zusammen. vice.com

  • Gen Z-Kids haben die Playlist neu erfunden - als Storytelling-Format. studybreaks.com

  • Hier ist ein wilder Deep Dive in ein Startup, das virtuelle Animal Sidekicks für Influencerinnen baut und damit stinkreich wird. fastcompany.com

  • Nestflix: Ein fiktiver, browsebarer Streamingservicer, der nur fiktive Filme und Serien anbiet, die in real existierenden Filmen und Serien erwähnt oder gezeigt werden. Ich freue mich vor allem über “Bounty Law” aus Once Upon a Time in Hollywood. nestflix.fun

  • Das beste TikTok des Jahres 2021. tiktok.com


Das Meme

Conni-Memes waren sehr präsent die letzten paar Wochen - teilweise als Antifa-Maskottchen, teilweise wie hier als Protagonistin surrealer Situationen. Eine willkommene Fortführung der Jakob-Memes von vor einigen Jahren.


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