Das offensichtliche Problem des Internets

und wie das Metaverse es lösen könnte

das hier ist cool genug - heute mit einem text, der in eine leicht andere richtung geht als sonst (und länger ist er auch).

wenn dir das gefällt, was ich hier mache: weise leute gerne darauf hin! cool genug ist gratis, bezahlen kann man mich also nur mit aufmerksamkeit. wenn du leute kennst, die auch spaß an diesem newsletter haben könnten: sag ihnen gerne bescheid:

Share cool genug


Das offensichtliche Problem des Internets

Was ist das Metaverse? Ein bisschen seltsam, dass sich diese Frage nicht so leicht beantworten lässt - selbst von jemandem, der noch vor drei Wochen einen BR24-Artikel namens "Was ist das Metaverse?" geschrieben hat. Dort habe ich das Metaverse definiert als "einen gemeinsamen virtuellen Raum, der virtuelle Welten, das klassische Internet und zahlreiche Elemente der echten Welt in einer Konstruktion vereint - und das ohne [sichtbare] innere Grenzen."

Der Venture Capitalist Matthew Ball, der den Metaverse-Diskurs seit zwei Jahren quasi im Alleingang vorantreibt, nennt es den "Nachfolgezustand des mobilen Internets". Garbage Day-Autor Ryan Broderick nennt es "Das Internet, neuerfunden als Fortnite". Und einige andere nennen es - vielleicht mehr in Chatnachrichten als in Blogposts - "Schwachsinn".

Nach über einem Jahr des Textelesens, Zuhörens und Nachdenkens würde ich folgendes anbieten:

Das Metaverse ist die kohärenteste Vision von einer Zukunft des Internets, die nicht in einer Dystopie endet.

Und deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Teil 1: Das offensichtliche Problem des ersten iPhones

Wann war das letzte Mal, das du von deinem neuen Smartphone wirklich beeindruckt warst? Klar, die Kamera ist etwas besser geworden, Games laden flüssiger, der Bildschirm ist größer... Aber im Großen und Ganzen gibt es etwa zwischen dem iPhone 12 (2020) und dem iPhone 6 (2014) keine revolutionären Unterschiede.

Das war nicht immer so: In den späten 00er und frühen 10er Jahre fühlte sich jedes neue iPhone und Samsung Galaxy für den durchschnittlichen Konsumenten an wie ein Quantensprung. Der technologische Fortschritt schien damals für im Alltag greifbar, und versteckte sich nicht wie heute in Software und Nischenprodukten (VR, Wearables).

Was hat sich also geändert?

Machen wir ein Gedankenexperiment: Versetzen wir uns zurück ins Jahr 2007, betrachten das erste iPhone und benennen die Dinge, die daran offensichtlich noch gefehlt haben:

  • Größerer Screen

  • Third-Party-Programme

  • Copy & Paste-Funktion

  • Änderbares Wallpaper

  • Eine Kamera, die Videos aufnehmen kann

  • Multitasking

  • GPS

  • Ein Minimum an Speicherplatz

All diese Features wurden über die nächsten Hardware- und Software-Modelle nachgerüstet (ich erinnere mich noch gut daran, was für ein Big Deal Multitasking damals war). Aber jetzt schauen wir uns das iPhone 6 an - zeitlich genau in der Mitte zwischen dem Announcement des ersten iPhones und heute. Was sind hier die offensichtlichen Verbesserungsmöglichkeiten?

  • Noch größerer Screen

  • ?

Natürlich hat sich zwischen dem iPhone 6S und dem iPhone 12 noch eine Menge getan - doch fußt dieser Fortschritt auf der mathematischen Welle von Moore's Law: Jedes Jahr passen etwas mehr technische Kleinteile in einen etwas kleineren Raum und machen die Geräte etwas leistungsstärker. Aber von außen gesehen funktioniert das Gerät immer noch gleich. Jemand, der von einem 2007er-iPhone auf ein 2014er-iPhone umstieg, brauchte eine Menge Zeit zum Umgewöhnen. Umstieg von 2014 auf 2021 wäre aber kaum ein Problem. Der Grund: Das iPhone hat keine offensichtlichen Probleme mehr übrig, die es lösen kann.

Teil 2: Das offensichtliche Problem des Internets

Heute ist das iPhone ein Spiegeldbild für unsere Consumer-Tech-Welt im Allgemeinen. Die großen Neuerungen im Consumer-Tech-Bereich in den letzten Jahren waren meist das Ergebnis von ausgefeilten Algorithmen und Marketing-Kampagnen (TikTok, Live-Gesichts-Filter, Fortnite) und keine wirklich spannende neue Technik. Diese Liste der "Ikonischsten Tech-Innovationen der 2010er Jahre" von PC Mag z.B. listet 29 Innovationen zwischen 2010 und 2014 auf, und nur 12 zwischen 2015 und 2019.

Offensichtliche Probleme sind irgendwie out. Kaum jemand versucht öffentlich, das Rad neu zu erfinden. Stattdessen bemühen sich Tech-Unternehmen, Startups und Konzerne darum, ihre Art, die Bausteine des Internets zusammenzusetzen, minimal profitabler zu machen als die der Konkurrenz, und das immer wieder und weiter. Das Internet als solches bleibt von diesen Wettstreits unangetastet. Man könnte meinen, das Internet sei abgeschlossen: Eine fertiggestellte Fabrikhalle, in der gebaut werden kann, mit allem was da ist.

Und in diese Stagnation tritt das Metaverse - die verführerischste digitale Vision seit Langem. Der Begriff schwebt schon eine ganze Weile durch den Äther, und hat, wie das meistens so ist, auf einmal eine plötzliche Beliebtheitsexplosion erfahren.

Wenn wir einmal all diejenigen beiseitestellen, die nur über das Metaverse schreiben, weil sie dahinter einen Get Rich Quick-Schwindel vermuten, gibt es einen guten Grund, warum das Konzept Metaverse so verführerisch ist: Es weigert sich, das Internet als fertiggestellt zu betrachten. In den Augen von Matthew Ball ist das Internet heute nicht das iPhone 12, es ist das iPhone 1, und es gibt noch unendlich viel daran zu verbessern. Er sieht im Internet ein offensichtliches Problem.

Und dieses offensichtliche Problem, welches das Metaverse lösen möchte, ist wirklich offensichtlich. Es ist etwas, das jeder Person, die diesen Text liest, jeden Tag begegnet, und in den letzten Jahren immer schlimmer geworden ist.

Ready?

  • Das Internet ist fragmentiert.

Wenn ich auf YouTube einen Song entdecke und zehnmal auf Repeat höre, hat Spotify, meine Hauptstation für Musik, keine Ahnung davon. Wenn ich eine neue Serie gucken will, dauert es oft eine Weile, bis ich herausgefunden habe, in welchem Streaming-Dienst ich diese gucken kann - und unter welchen Konditionen. Wenn ich in einem Videospiel eine Belohnung erspielt habe, die mir viel bedeutet, kann ich diese nicht in ein anderes Videospiel mitnehmen.

Diese Probleme klingen trivial - und das sind sie in gewisser Weise natürlich auch. Aber es ist doch bemerkenswert: Obwohl unsere Leben sich immer mehr im Digitalen abspielen, verstehen unsere digitalen Werkzeuge kaum etwas voneinander. Sie können nicht miteinander kommunizieren, sie lassen sich nicht gemeinsam bedienen, sie können kaum Daten austauschen. Selbst wenn ich - Stichwort Datenschutz - das explizit gerne so hätte. Jeder, der einmal versucht hat, Google Docs und Microsoft Office miteinander zu verknüpfen, weiß: Das Internet ist im Moment bei Weitem nicht fertig. Es ist in einer bockigen Teenagerphase und macht uns an jeder Ecke das Leben schwer.

Matthew Ball vergleicht das Internet heute mit einem Einkaufszentrum, dessen offensichtliches Problem darin besteht, dass es völlig anders funktioniert als ein Einkaufszentrum in der echten Welt.

Today, the digital world basically acts as though it were a mall where every store used its own currency, required proprietary ID cards, had proprietary units of measurement for things like shoes or calories, and different dress codes, etc.

Ein anderes Sinnbild wäre ein Bürogebäude, in dem es nicht möglich ist, dass ich alle meine Arbeitsutensilien in einem Zimmer sammle. Stattdessen muss ich, wenn ich etwas brauche, immer erst den entsprechenden Raum betreten: Um den Tacker zu benutzen, muss ich in den Tackerraum. Zum Schreiben in den Schreibraum. Mit etwas Glück hat sich der Kopierraum kürzlich mit dem Druckerraum zusammengeschlossen, sodass ich wenigstens dafür nur noch eine Tür öffnen brauche. Aber sobald ich Papier nachladen muss, darf ich wieder rüber. Uff.

Teil 3: Das Metaverse

Das Versprechen des Metaverse (wie Matthew Ball es in diesem sehr langen Text, sowie dieser noch viel längeren Textsammlung beschreibt) besteht darin, einen digitalen Raum zu schaffen, der sich nach den gleichen intuitiven Regeln verhält wie der analoge Raum. Sollte das Metaverse die nächste Stufe des Internets darstellen, dann wäre es darin möglich, all meine digitalen Werkzeuge gemeinsam zu benutzen, so wie auf meinem Schreibtisch auch.

Der klarste Use Case für das Metaverse liegt momentan vor allem im Gaming - wo Metaverse-artige Spielplattformen in den letzten Jahren massiv zugelegt haben. Natürlich sind diese Plattformen nach außen abgeschlossen und damit kein wirkliches Metaverse - aber sie zeigen als Mikrokosmos, wie so etwas ungefähr funktionieren könnte: Ein Minimum Viable Metaverse quasi.

Die zwei prominentesten Beispiele:

  1. Roblox: Eine Plattform, auf der Userinnen und User selbst Spiele bauen und verkaufen können. Das ist spannend, weil der Austausch von digitalen Gütern, Experiences und Statussymbolen auf Roblox genauso normal ist wie der Austausch analoger Güter, Experiences und Statussymbole in der echten Welt. Es lässt sich kaum überbewerten, wie gigantisch dieser kulturelle Shift ist, der hier vor allem bei Kindern und Jugendlichen stattfindet. Mehr als die Hälfte aller Kinder in den USA spielt heute Roblox, und 2020 hat die Firma bis zu eine Viertelmilliarde Dollar an Content Creator auf der Plattform ausbezahlt und damit quasi ein komplettes virtuelles Wirtschaftssystem am Laufen gehalten. Es ist eine der spannendsten digitalen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts. Warum du trotzdem (vermutlich) kaum etwas über Roblox weißt? Weil die Medienbranche oft zu beschäftigt damit ist, über Blödsinnsapps wie Clubhouse zu berichten, einfach, weil sie dort - anders als bei Roblox - selbst zur Zielgruppe gehört.

  2. Fortnite - wo Gamerinnen heute schon Disney-Charaktere mit DC-Superhelden kämpfen lassen können und ihre Avatare auf ein virtuelles Konzert mitnehmen.

Für viele Kinder und Jugendliche wirken die Grenzen von Intellectual Property und inkompatiblen Plattformen im Internet artifiziell - weil sie gerade mit Plattformen aufwachsen, die ihnen zeigen, dass es auch anders geht. Junge Menschen benutzen das Internet heute schon auf völlig neue Weise. Und es dauert nicht mehr lang, dann werden diese Kids Software entwickeln und Unternehmen gründen.

Ihr Aufwachsen inmitten von digitalen Welten, gepaart mit einem überdurchschnittlichen Interesse für digitale Wirtschaft macht die heute 10-25-Jährigen zu einer Generation mit sehr viel Potential - es ist eigentlich kaum vorstellbar, dass sie nicht die digitale Welt massiv verändern. Wie wir das nennen, das dann daraus entsteht, ist im Moment noch offen. Aber "Metaverse" ist der beste Vorschlag, den wir im Moment haben.

Epilog

Vielleicht ist das natürlich auch alles Quatsch. Sollte das Metaverse gar nicht der “Nachfolger des Internets” sein, gibt es auch schon einen Alternativvorschlag, was das Internet stattdessen beerben könnte - und der stammt ausgerechnet von Facebook, wo Mark Zuckerberg auf einmal selbst ins Metaverse-Horn bläst.

Anfang der 2010er-Jahre stießen Forscher in Ländern wie Indosien, Myanmar und Thailand zum ersten Mal auf merkwürdige Umfrageergebnisse: In diesen Ländern war - laut Umfragen - die Zahl der Facebook-User höher als die Zahl der Internet-User. Wie das?

Die Erklärung: Facebook hatte in diesen Ländern kalkuliert ein abgeschlossenes digitales Ökosystem geschaffen. Vielen Menschen dort war gar nicht bewusst, dass "das Internet" existierte - Facebook war alles, was sie kannten und benutzten.

Facebooks Pläne, so das Internet zu übernehmen, sind aus heutiger Sicht wohl gescheitert - sie bleiben ein Warnsignal. Zwar hat Mark Zuckerberg explizit gesagt, dass Facebook das Metaverse nicht selbst bauen wolle, sondern sich als einen Player von vielen innerhalb des Metaverse verstehe. Aber er ist Mark Zuckerberg, also joah.

In Matthew Balls Texten über das Metaverse spielt kaum ein Punkt eine so wichtige Rolle wie Dezentralität: Man spürt förmlich sein Unbehagen bei der Vorstellung, ein Konzern wie Facebook, Amazon oder Google könnte alleine über die Regeln des Metaverse entscheiden. Es braucht also eine andere Lösung, um den gemeinsamen virtuellen Raum der Zukunft zu konstruieren. Wie diese Lösung aussieht? Who the fuck knows. Vielleicht hat sie was mit Blockchain zu tun, vielleicht auch mit technischen Standards, die wir uns gerade noch gar nicht vorstellen können.

Aber auch wenn vieles unklar ist: Nach all dem, was ich über die letzten zwei Jahre gelesen und gehört habe, glaube ich, personally, dass da etwas ganz Großes auf uns zu kommt. Ob wir es dann wirklich Metaverse nennen, können wir uns immer noch überlegen, wenn es da ist.


Außerdem

  • Die digitalen Strategien der Parteien zur Bundestagswahl - ein schöner Watch zwischendurch. ardmediathek.de

  • Zwischen anonym, pseudonym und Klarnamen: Wer sind wir im Internet? Großartiger Text von John Herrman. nytimes.com

  • So sehen die Olympischen Spiele aus der TikTok-Perspektive aus. zeit.de

  • 5 Lektionen von Chinas Internet-Firmen (unfassbar, was da alles Spannendes passiert, ohne dass es im Westen auf Aufmerksamkeit stößt) digitalnative.substack.com

  • Text-Memes übernehmen Instagram. nytimes.com

  • Dieses tolle Video Essay beantwortet die Frage “Are Playlists the Future of Music?” in etwa mit “Wenn du willst…?” youtube.com

  • Wenn du mehr ein bisschen Zeit hast, lies Packy McCormicks Argumentation für NFTs als Statussymbol und was daraus folgt. notboring.co

  • Diese junge Frau auf TikTok schafft es allein mit ihrer dorky Energie einen viralen Hit zu erzwingen. I love her. tiktok.com


Das Meme

(irgendwie war mir nie klar, dass ich mich hier auch einfach selber reinsetzen kann, hehe)

Erklärung des Memes


🌍,

gregor