Träumen User von elektrischen Schafen?

oder: Wie Social Media uns zu Maschinen macht

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Träumen User von elektrischen Schafen?

Blade Runner 2049 ist einer der beeindruckendsten Science-Fiction-Filme des 21. Jahrhunderts. Der Film, eine Fortsetzung des 80er-Kultfilms Blade Runner, spielt in einer hybriden Zukunft von 80er-Cyberpunk und moderner digitaler Technologie. Außerdem ist er - gewollt oder ungewollt - ein Modell dafür, wie das Internet die Menschlichkeit aus uns heraussaugt.

Im Zentrum des Films steht K, gespielt von Ryan Gosling. K ist kein Mensch, er ist ein Replikant: ein künstlich geschaffenes Wesen, das von einem Menschen kaum unterscheidbar ist. K sucht Bedeutung in seinem Leben, und eine Antwort auf die Frage, ob einem Wesen wie ihm überhaupt seine Wünsche vergönnt sein sollten. Denn Replikanten werden von der Gesellschaft verachtet, sie werden herumkommandiert, beleidigt, ausgegrenzt. Selbst Ks Kommandeurin, die ihn mehr zu schätzen weiß als irgendein anderer Mensch, bringt ihm gegenüber nie ein “Danke” über die Lippen.

Androiden und Roboter kennen wir aus vielen Filmen und Geschichten. Eine der spannendsten Eigenheiten von Blade Runner 2049 ist jedoch, dass der Film verschiedene Formen von Künstlicher Intelligenz aufeinandertreffen lässt:

  • K selbst

  • Ks virtuelle Freundin Joi: eine Art personalisierte Siri mit Hologramm-Funktion

  • Luv, die Antagonistin des Films: eine Replikantin, die sich durch ihre Verbindung zu Replikantenschöpfer Niander Wallace über andere Replikanten erhaben fühlt

Im Verlauf des Films streben all diese Figuren nach dem gleichen Ziel: Bedeutung und Selbstwert für ihre künstlich herbeigeführte Existenz. K möchte einfach nur geliebt werden. Und schließlich, nachdem das scheitert, anderen Liebe ermöglichen. Es ist so simpel.

Doch Luv sieht ihre Befreiung in der Herabwürdigung anderer. K beleidigt sie als “Bad Dog”. Ks virtuelle Freundin Joi tötet sie durch Zerstörung ihres Speichers.

Wir haben also:

Digitale Wesen, auf der Suche nach Kontakt zu anderen Wesen, verloren in einem dystopischen Irrgarten, der sie permanent entmenschlicht und erniedrigt.

Oder, anders ausgedrückt: Twitter.

Das ist nicht nur als Gag gemeint. Tatsächlich erinnern viele Science-Fiction-Filme über Roboter und Androide an unsere moderne Social Media-Welt. Blade Runner 2049 macht das besonders explizit, durch seine Einbeziehung von virtuellen Assistenten und einem Test, der Replikanten als funktional und nicht-menschlich identifiziert (also wie ein “Beweise dass du kein Roboter bist”-Captcha, nur andersrum). Aber auch jede andere Science-Fiction-Geschichte, in denen Roboter und Androide als niedrigere Lebensformen wahrgenommen und sich gegen die Vorherrschaft der menschlichen Rasse zur Wehr setzen müssen, tut das.

Wir wissen, dass Social Media auf die mentale Gesundheit schlägt. Der Umgangston auf Twitter und in netzweiten Kommentarspalten ist so schlimm, dass eine Googlesuche zum Thema kaum Forschung dazu offenbart, ob Menschen online furchtbar miteinander umgehen, sondern hauptsächlich dazu, warum das so ist.

Ich glaube, Blade Runner 2049 und eine lange Tradition von Androiden-Filmen liefern uns darauf eine mögliche Antwort:

Wir sehen im Internet keine Menschen. Wir sehen Roboter.

Ein populäres Gedankenexperiment ist: “Was, wenn du der einzige echte Mensch auf der Welt bist? Und alle anderen sind nur ferngesteuerte Roboter?”

Im Internet fallen wir viel zu leicht in diese Gedankenfalle. Jahre in Kommentarspalten haben uns so abgehärtet, dass wir uns aktiv anstrengen müssen, Menschen im Netz als solche wahrzunehmen - insbesondere wenn wir sie nicht persönlich kennen.

Nirgendwo kann man das so gut beobachten wie auf Twitter. Nicht nur giften sich User hier grundlos den ganzen Tag an und stacheln sich gegenseitig hoch, viele von ihnen scheinen auch überhaupt kein Interesse an den Gedanken anderer Menschen zu haben. Nachdem bei der Bundestagswahl viele davon überrascht waren, dass die FDP bei Erstwählern die stärkste Partei war, gab es zwar jede Menge Texte und Gedanken zur Frage, warum das so ist (u.a. von mir). Es gab aber auch sehr viel öfter Varianten hiervon:

El Hotzo ist ein professioneller Internet-Troll, deswegen würde ich es lächerlich finden, ihn für einen Tweet zu kritisieren - aber der Gedanke, den er hier beschreibt, ist wirklich weit verbreitet - und wird besonders klar auf Twitter, wo es haufenweise JuLis gibt, die gerne erklären, warum die FDP für sie eine gute Partei ist. Das ändert aber nichts daran, dass manche Linke sich viel leichter damit tun, diese ganze Menschengruppe als nicht-denkende Monster abzustempeln.

Für manche ist der Mechanismus, andere auf Social Media nicht als Menschen, sondern als Roboter wahrzunehmen, fast schon überlebensnotwendig (wie sonst soll man etwa Wellen von Hass und Drohungen überstehen?). Aber anderswo ist er reine Verweigerung. Bloß keine Gedanken machen, dass jemand anderer Meinung sein, andere Prioritäten haben, andere Erfahrungen als ich gemacht haben könnte. Bloß nicht aus der sicheren Blase um den eigenen Kopf herum heraustreten.

Und wenn es hart auf hart kommt, wird die Entmenschlichung sogar als Taktik im Kulturkampf eingesetzt.

  • In rechten Meme-Kreisen wird schon länger das Wort “NPC” zur Bezeichnung Andersdenkender verwendet. Ein NPC ist ein Non-Player-Character, eine machtlose Nebenfigur in einem Videospiel, die nur dazu da ist, immer die gleichen Sätze zu sagen und anschließend vom Hauptcharakter in seinem Auto niedergewalzt zu werden.

  • In Fandom-Kreisen ist es seit Jahren üblich, Kritikerinnen und Bloggern zu unterstellen, sie wären für ihre Meinungen von einem großen Unternehmen (in der Regel Disney) bezahlt worden. Eine eigene Meinung hätten sie demnach gar nicht. Sie seien nur eigenschaftsloses Sprechorgan von jemand anderem.

Das Internet setzt uns mitten in einen Sturm aus Hot Takes, Eilmeldungen und Meinungen - kein Mensch hat die emotionale Kapazität, all diesen Inhalte die Empathie zuzuteilen, die er er für echte Menschen übrig hätte. Also: Zurück ins Schneckenhaus. Alle Roboter. Außer mir.

Es ist ein bisschen ironisch, aber auch nur folgerichtig, dass ausgerechnet diejenigen im Netz, die in jeder anderen Meinung einen gedankenlosen Bot sehen, diejenigen sind, die sich selbst am meisten wie Roboter verhalten. Niemand spamt so unmenschlich viel wie Trump-Fans, niemand ist so gut im Nicht-Zuhören wie Verschwörungstheoretiker. Wer davon überzeugt ist, von Robotern umgeben zu sein, der sieht nur einen Weg, sie zu bekämpfen: Nämlich selbst zum Roboter zu werden.

In dem einen anderen großen Film über das Internet, Inside von Bo Burnham, gibt es eine Stelle, die über alle anderen hinausragt. Der Song White Woman’s Instagram ist größtenteils eine Persiflage auf die Instagram-Feeds junger weißer Frauen in den USA. Bis sich die Stimmung plötzlich dreht.

In der Bridge des Songs, der bislang nur aus der Aufzählung von Fotomotiven und “Stay positive”-Captions bestand, singt Burnham auf einmal folgendes:

Her favorite photo of her mom
The caption says:
"I can't believe it
It's been a decade since you've been gone
Mama, I miss you
I miss sitting with you in the front yard
Still figuring out how to keep living without you
It's got a little better, but it's still hard
Mama, I got a job I love and my own apartment
Mama, I got a boyfriend, and I'm crazy about him
Your little girl didn't do too bad
Mama, I love you, give a hug and kiss to Dad"

Gleichzeitig bewegen sich die Rahmen des Videos, die den Rest des Clips im typischen Instagram-1:1-Format einklemmen, nach außen, sie lassen Freiraum, weil sich hier, in diesem Moment, auf einmal eine echte Person offenbart.

Es ist ein berührender, einzigartiger Moment, und er macht aus einem Song, der in den Händen schlechterer Comedians einfach eine Aufzählung von Instagram-Klischees gewesen wäre, etwas viel Bedeutungsvolleres. Der Song weigert sich, die Frau aus dem Titel nur als Roboter zu sehen. Er bietet ihr den Respekt, den sie verdient, und betrachtet sie als reelle, atmende Person.

Und was passiert als nächstes? Der offizielle Netflix-Twitter-Account postet den Song. Und das wird darunter kommentiert:

Selbst ein Song, der Menschen als Menschen sieht, kann nicht verhindern, dass andere Menschen im gleichen Song nur die Roboter sehen. Und so agiert dieser Twitter-User wie Luv aus Blade Runner 2049. Im Netz verloren, auf der Jagd nach Robotern, die er dorthin weisen kann, wo sie seiner Meinung nach hingehören: Unter ihm.

Dabei wollen wir doch alle, ob in Blade Runner oder der echten Welt, nur eins: Endlich wieder von einer echten Person berührt werden.


Außerdem

  • Wattpad ist eine der spannendsten Internet-Plattformen der Gegenwart - doch obwohl der Pitch “Netflix trifft Instagram trifft Buchmarkt” eigentlich sämtliche Kulturredaktionen des Landes in Flammen versetzen sollte, haben die meisten noch nie davon gehört. Ich habe für den BR mit der Wattpad-Chefetage und einer Wattpad-Autorin gesprochen. Ist gut geworden. br.de

  • Diese Woche gab es einen gigantischen Leak von Twitch-Daten - u.a. die Einkommenszahlen der weltweiten Top-Streamer. Auf Twitter gab es viel performativen Ärger gegenüber den High Earnern, die fürs “Vorm PC sitzen” Millionen verdienen, aber, wie z.B. TechAltar auf YouTube festgestellt hat: So hoch sind die Zahlen nicht. Nur etwa 2.000 Streamer auf Twitch verdienen demnach mehr als ein deutsches Durchschnittsgehalt. vice.com

  • Passend zum Thema Streaming-Einnahmen: Robin Blase, YouTuber, Podcaster und gelegentlicher Kollege von mir hat festgestellt, dass seine Videos ordentlich Geld verdienen - nur bekommt dieses Geld nicht er, sondern Reaction-Streamer, die darauf reagieren. Ein sehr aktuelles Problem mit jeder Menge Implikationen darüber, wem welcher Content in einer Welt von Remixen, Reactions und Memes eigentlich gehört. youtube.com

  • Bruce Willis macht jetzt Werbespots in Russland - ohne dort hinzufliegen. Er lizensiert einfach sein Gesicht für Deepfakes. heise.de

  • Dieser Text über Epic Games legt überzeugende Argumente darüber vor, wie die nächste Welle der sozialen Medien aussehen könnte. washingtonpost.com

  • Loot - ein ziemlich irres NFT-Projekt, das zufällig generierte Wortpakete verkauft und schon vor einem knappen Monat mal in diesem Newsletter verlinkt war - hat jetzt ein größeres Stück in der SZ bekommen. Ist ein gutes Intro für Leute, die sich dafür interessieren - ich finde es aber auch einfach bemerkenswert, dass etablierte deutsche Medien mittlerweile sogar über die weirderen Ecken der Kryptowelt berichten. sueddeutsche.de

  • Schöner Text über Squid Game und den Erfolg von Serien-Projekten in einer memeifizierten Welt. tanay.substack.com

  • Ein großes NFT-Projekt wurde als Schwindel enttarnt, der Entwickler hat sich mit 2,7 Millionen Dollar aus dem Staub gemacht. vice.com

  • Dieses TikTok über einen viralen Auffahrunfall ist nur ein winziger Einblick, wie sehr außer Kontrolle Mistgabel-TikTok mittlerweile ist. Dieses Thema wäre mal diverse frustrierende Artikel wert - fürs Erste belasse ich es hierbei. tiktok.com


Die gute Seite

Meine Lieblingsstelle in Bo Burnhams Inside ist die Bridge in White Woman’s Instagram. Der beste Song ist - meine ich - That Funny Feeling, ein gespenstisches Stück über den nienachlassenden Spuk des Internets in unseren Köpfen.

The live-action Lion King, the Pepsi Halftime Show
Twenty-thousand years of this, seven more to go
Carpool Karaoke, Steve Aoki, Logan Paul
A gift shop at the gun range, a mass shooting at the mall
There it is again, that funny feeling

Phoebe Bridgers, eine der tollsten Pop-Künstlerinnen unserer Zeit, hat diese Woche ihre Coverversion des Lieds veröffentlicht. Möglicherweise, auf eine seltsame Weise, der Song des Jahres.

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gregor