Schlechte Musik ist die beste Musik (im Internet)

10 Jahre Rebecca Black und Money Boy +++ Die Patina des Internets +++ Das Bëpen-Böpenmann

folgt mir auf twitter, folgt diesem newsletter, genießt die folgenden themen.

cool genug abonnieren


Für immer Freitag

In der vergangenen Woche vor zehn Jahren erschien einer der prägenden Songs des Jahrzehnts.

Die Geschichte hinter Friday hat uns schon Anfang des letzten Jahrzehnts ganz gut gezeigt, wo die Reise uns über die nächsten Jahre social media-mäßig hinführen würde: Ein 13-jähriges Mädchen bekommt von ihren reichen Eltern das geschenkt, was sich viele 13-jährige Mädchen wünschen: Ein Star zu sein. Heute würde daraus eine Instagram-Karriere werden. Damals läuft es noch anders. Die Eltern bezahlen ein Tonstudio, Songwriter, eine Videoproduktion und so weiter. Und heraus kommt… einer der schlechtesten Songs aller Zeiten.

Es ist im Rückblick gar nicht so leicht festzumachen, warum Friday tatsächlich als so grauenhaft wahrgenommen wurde - auch weil viele Songs aus der Zeit ähnlich schlimm waren. Friday erschien in einer Welt vor Lana Del Rey, Lorde und den guten Taylor Swift-Alben - sogar ein paar Monate vor Gotyes Somebody That I Used To Know. Stattdessen in den Charts: Die Black Eyed Peas mit Dirty Bit. Justin Bieber mit Baby. Far East Movement (musste ich googlen) mit Like a G6.

Und Friday, das Deutschländer-Würstchen der miserablen Popsongs, vereinte alles, was damals als negativ wahrgenommen wurde: Schlecht eingesetzter Autotune. Nonsense-Lyrics (“Fun Fun Fun Fun, looking forward to the weekend”) auf einem charakterlosen Beat. Und - natürlich - die prominente Platzierung eines Mädchens im Teenager-Alter. Im 9Gag-Ära-Internet vor zehn Jahren gab es nicht Verhassteres als Twilight und Justin Bieber. Offener, schamloser Sexismus war überall.

Gleichzeitig war Friday gerade gut genug produziert, um seine Wackness nackt offenzulegen. Das Video wirkte auf den ersten Blick hochwertig, aber die Background-Darstellerinnen tanzen, als wären sie unter Todesdrohungen dazu gezwungen worden. Die Vocals klingen erst einmal fast radiotauglich, dann erst offenbart sich die autogetunete Quäkstimme von Rebecca Black - an der die Produzenten vermutlich mehr Schuld tragen als sie selbst. Und dann die Lyrics: “Gotta have my bowl, gotta have cereal”.

Das Ergebnis von all dem: Friday explodierte. In ein paar Monaten wurde das Video 166 Millionen Mal gesehen (der originale Upload ist nicht mehr online, Rebecca Black selbst lud das Video nach ein paar Monaten neu hoch). Für damalige YouTube-Verhältnisse war das übermenschlich viel - ein Jahr zuvor war Justin Biebers Baby mit gerade mal 245 Millionen Views das meistgesehene YouTube-Video aller Zeiten geworden. Und über die 13-jährige Rebecca Black brach eine Welle an Hate und Häme los, über die sie heute sehr offen spricht.

Dass Rebecca Black vom Internet so furchtbar behandelt wurde, macht eine Sache aber fast noch unerklärlicher:

Die Welle an Rebecca Black-Kopien, die folgten.

Der Trend an weißen amerikanischen Mädchen im nicht-einmal- oder gerade-so-Teenager-Alter, die auf einmal in Hochglanz-Eigenproduktionen auftauchten und in der Bridge einen schwarzen Rapper (meistens sogar denselben aus Friday) featureten, war in der damaligen YouTube-Ära ein wirklich faszinierendes Phänomen. Ein bisschen viral (solide zweistellige Millionenklickzahlen) waren sie alle. Trotzdem waren sie kleine Fische im Vergleich mit dem Kult-Monster Friday - was glaube ich auch daran liegt, dass sie tatsächlich nochmal ein Stück schlechter waren und deswegen weniger interessant.

Die eine Ausnahme ist hier wahrscheinlich “Hot Problems”, bei dem ich immer noch überzeugt bin, dass es sich um ein satirisches Meisterwerk und einen der lustigsten Songs aller Zeiten handelt.

Friday bleibt eine der wichtigsten Lektionen in Sachen Internet, die immer noch täglich angewandt wird: Es ist okay, nervig zu sein, solange du damit viral gehst. Rebecca Black selbst hat es nie wirklich geschafft, aus ihrem One-Hit-Wonder eine ernstzunehmende Popkarriere zu machen. Aber nur ein paar Monate nach ihr machte jemand anders vor, wie es auch gehen kann:

“Dreh den Swag auf” ist absolut das deutsche Friday - im gleichen Jahr erschienen, genauso penetrant und genauso Kult. Nur nutzte Money Boy seinen berüchtigten Status, um eine der prägenden deutschsprachigen Netz-Figuren der 10er-Jahre zu werden, weiter über diesen einen Song hinaus. Money Boy hat es nicht nur geschafft, das Wort “Swag” nach Deutschland zu tragen, er hat auch zahlreiche andere Meme-Phänomene erfunden (“1” statt “ein” schreiben, “Triff mich …”) oder zumindest geprägt (“I bims”-Sprache). Und sein “Rap Up 2020” ist der einzige Jahresrückblick über letztes Jahr, den ich mir freiwillig gebe.

Heute singt Money Boy “Dreh den Swag auf” immer noch live auf Konzerten (zumindest solange sie erlaubt sind). Er hat es geschafft: Seine Musik wird nicht mehr anhand einer Gut-Schlecht-Achse bewertet. Sie ist einfach da. Sie ist lustig. Und sie ballert. Alles andere ist für ein Meme nicht wichtig.


Die Patina des Internets

In der aktuellen Ausgabe von “Die sogenannte Gegenwart”, dem besten deutschen Laberpodcast, macht Lars Weisbrod folgende Beobachtung:

Man behauptet, das Digitale habe keine Patina. Das stimmt aber überhaupt nicht, das Digitale hat seine eigene Patina. Und zwar, wenn man sich echte Memes anguckt, dann haben die eine ganz bestimmte Optik: Es ist blurry, die Qualität ist schlecht. Etwas daran ist kaputt, es wirkt auf eine Art alt. Das liegt daran, dass die meisten Bild-Memes sich so verbreiten, dass jemand einen Screenshot macht und von diesem Screenshot macht wiederum jemand anderes einen Screenshot. Und bei jedem Screenshot rechnet die Software das ein bisschen runter und komprimiert das.

Diese absolut richtige Beobachtung ist sowas wie die Körnigkeit eines analogen Films, nur für das digitale Zeitalter. Und macht jedes Bild früher oder später blockig und hässlich.

Wie alle Netz-Phänomene ist auch übertriebene Bildkompression (in der Regel durch das datensparsame JPEG-Format) bizarr verschärft zu einer Kulturtechnik geworden, die genau wie ein künstlicher Analogfilmlook gerne nachträglich auf Memes hinzugefügt wird.

Wer wissen will, wie weit das gehen kann, kann sich in der Community der “Deep Fried Memes” umsehen - einer Art Anti-Ästhetik, in der surrealistische Memes durch zahlreiche Filter gequetscht werden, bis sie fast unentzifferbar werden.


Angriff der Bëpen-Böpenmänner

Hier der lustigste Tweet der Woche:

Das Meme, das klar erkennbar von einem Amerikaner erstellt wurde, zeigt uns letztlich vor allem, wie sich Amerikaner anhand von Rammstein, Kraftwerk und Memes die deutsche Sprache vorstellen: Hart, wütend und umständlich.

Der Autor des Tweets begründete sein Werk mit den Worten: “i thought it would translate to beep-boop man i made this when i was slightly drunk and tired lmao”.

Bedauerlicherweise sind die Comments voll mit Leuten die es nicht verstehen - vor allem Deutschen. Haufenweise weisen sie ihn darauf hin dass es im Deutschen gar keinen e-Umlaut gibt, obwohl, seufz, der Witz doch gerade ist, dass Amerikaner sich ihr eigenes Bild von der deutschen Sprache zusammenreimen, ohne wirklich eine Ahnung zu haben.

Hauptsache, wir konnten dem Internet wieder einmal beweisen, dass Deutsche genauso humorlos sind, wie das Meme es darstellt. Kalt, ernst, ohne Emotionen. Wir stehen den Bëpen-Böpenmännern in nichts nach.


Außerdem


Und nun… das Meme


partying partying, fun fun fun fun,

🎤,

gregor

cool genug abonnieren