Kopie einer Kopie einer Kopie eines TikTok

Ein seltsames TikTok-Problem +++ Der Snyder Cut ist nie vorbei

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TikTok, aber

Teil 1. Originalität im Internet

Social Media und Originalität haben eine seltsame Beziehung zueinander. Ein Meme ist per se etwas, das weiterverbreitet, kopiert und neu umgesetzt wird. Trotzdem ist es - vor allem in bestimmten Communitys - ziemlich verpönt, Meme-Jokes, die jemand anderes gemacht hat, einfach unverändert noch einmal hochzuladen. Also, theoretisch. Kein Mensch jagt ein Meme erstmal durch die Reverse-Bilder-Suche um zu checken, ob er ein Original vor sich hat. 

In einer ganz und gar nicht wissenschaftlichen Studie, die ich mir gerade eben in meinem Kopf ausgedacht habe, kommt heraus, dass über 50 Prozent der Likes, Shares und Kommentare unter Bildern oder Videos auf den großen Social Media-Plattformen auf Content landen, der kaum oder gar nicht verändert von woanders kopiert wurde: Ein Witz, per Copy & Paste aus einem anderen Tweet besorgt. Ein Zeitungsfoto, auf Reddit gefunden, als das Eigene ausgegeben. 

Stören tut uns das nur, wenn es uns bewusst wird, was da passiert. Man fühlt sich ertappt, wenn man etwas teilt, nur um kurz darauf festzustellen, dass der Content, den man selbst so genial fand, eigentlich schon viel früher von woanders stammt. Aber in den Verirrungen der Social Media-Plattformen geht der originale Urheber eines Gedankens, Witzes oder Fotos eigentlich grundsätzlich verloren - es sei denn, es handelt sich dabei um jemanden mit sehr großer Reichweite. 

Kein Wunder, dass viele Menschen, die beruflich über das Internet nachdenken, besessen von der Idee der unantastbaren Urheberschaft sind. Der Gedanke befeuert den Boom von NFTs - ein Konzept, durch das ein beliebiges Werk (angeblich) unwiderruflich einem Urheber oder einem Besitzer zugeteilt werden kann. Auch in den Debatten rund um Urheberrechtsrichtlinien im Internet spielt das Ganze eine Rolle - wenn auch eher untergeordnet unter den eigentlichen Nutznießern (großen Verlagen und Medienkonzernen). 

Dabei findet sehr viel Ideenklau im Netz auf eine Weise statt, die sich auch vom besten Uploadfilter der Welt nicht erkennen ließe. 

Teil 2. TikTok

TikTok ist ein Memelabor. Challenges, Ideen und Filter werden jeden Tag millionenfach kopiert, weitergeführt und abgewandelt. Immer mit dem Ziel, einen neuen Witz zu finden, einen neuen Dreh zu finden - oft direkt an die Vorlage angehängt. 

Ein Beispiel.

(Substack erlaubt es leider nicht, TikToks einzubetten, deswegen muss man hier einen Link klicken. Ihr versteht aber auch alles, wenn ihr die Beispiel-TikToks nicht guckt.) 

Bei den meisten TikToks dieser Art ist dem Publikum klar, dass es gerade ein Meme sieht: Eine Fortführung einer vorangegangenen Idee. Manchmal entgehen uns Feinheiten und Insider, wenn wir die Vorlagen nicht gesehen haben, aber es ist immer klar, dass der Witz auf dem Werk anderer aufbaut. Es funktioniert wie Memes auf Twitter und Reddit: Man sieht eine seltsame Formulierung, denkt sich nichts dabei, sieht sie noch einmal, denkt “Hm, was ist da los? Ist das ein Meme?”, googlet den Kack und wird schlauer. So weit so gut. 

Das Problem ist, dass TikToks Algorithmus und spezielle Eigenheiten eine andere Art von Kopie aber genauso fördern wie das Meme: Die blanke Kopie, die kein Teil eines Meme-Kreislaufs ist, sondern einfach nur einen Witz kopiert, in der Hoffnung, dass die Person, die dieses TikTok sieht, den vorherigen Witz noch nicht gesehen hat. 

Zu abstrakt. Okay. Machen wir’s konkret. 

Hier ist ein TikTok, in dem zwei Personen in einer lustigen Situation zu sehen sind.

Der Joke dieses TikToks ist relativ lustig. Ich habe es Freitagmorgen in meinem Feed gesehen, was ich zufällig genau weiß, weil ich es direkt meinem Kumpel Andi weitergeschickt habe (Shoutout an dieser Stelle). 

Am Freitagmittag war ich dann nochmal auf TikTok und innerhalb von ein paar Minuten landeten folgende TikToks in meinem Feed: 

TikTok 1

TikTok 2

Für die, die nicht klicken wollen: Es handelt sich um eins zu eins-Kopien des ersten TikToks. Nachgestellte Szenen. Performte Sketche nach einem vorgeschriebenen Drehbuch (wenn dann, tatsächlich etwas schlechter, weil das erste TikTok die Pointe angenehm kurz und still hält). Und die Kommentare unter den TikToks zeigen: Der überwiegende Großteil der Zuschauer hat keine Ahnung, dass diese Szene einfach kopiert und nachgestellt ist. Sie geht tatsächlich davon aus, dass es sich um einen echten “Prank” handelt. 

Das erzwingt zwei Fragen: Erstens, wie viele dieser glatten Kopien fliegen noch auf TikTok herum? Und zweitens, war das erste TikTok, das ich gesehen habe, überhaupt das ursprüngliche? Oder war auch das eine Kopie, vielleicht von einem sehr viel kleineren Account? Die Architektur von TikTok macht es unmöglich, das herauszufinden. TikToks sind praktisch nicht durchsuchbar und innerhalb der Plattform wird kaum verlinkt. 

Und vor allem kommt hier eine von TikToks interessantesten Eigenheiten ins Spiel: TikTok-Inhalte werden zeitlos präsentiert. Anders als auf anderen Social Media-Plattformen landen TikToks in meinem Feed ohne Datums- oder Zeitangabe. Bedeutet, selbst wenn man zwei komplett identische TikToks direkt hintereinander sieht, muss man umständlich den Weg über die Profile gehen, um herauszufinden, welches zuerst kam. Es wird einem nicht einfach angezeigt. 

Teil 3. The Original

Diese Eigenarten von TikTok befeuern einen Trend, der vielen, die die Plattform beobachten, sauer aufstößt: Denn während in vielen spannenden Nischen auf TikTok interessante Ideen und Ästhetiken zelebriert werden, bestehen immer mehr WIRKLICH erfolgreiche TikToks aus algorithmus-freundlichem Einheitsbrei. TikTok Face und TikTok Voice sind jetzt schon bedauerliche Entwicklungen - Individualität geht verloren, weil unerwartete und außergewöhnliche Figuren weniger gut in den Feed passen.

Und jetzt werden auch noch immer die gleichen Witze gemacht? Muss ich wirklich durch meine For You-Page scrollen und dabei wiederholt identische Performances des jeweiligen Witz des Tages über mich ergehen lassen? Vermutlich ja. Denn solche Entwicklungen sind direkte Konsequenzen der TikTok-DNA. Der Algorithmus beobachtet meine Likes, merkt sich was ich will und denkt, ich mag den gleichen Witz nochmal, von einer anderen Person erzählt. Es ist eines der bestillustrierenden Beispiele für die Unterschiede eines Maschinengehirns und das einen Menschen. Denn egal was uns die Urheberrechtsreform-Lobby erzählen will: Kein Computer wird je den Wert eines Originals verstehen.

Natürlich kann man sagen: Geklaut wird doch auf anderen Plattformen auch. Aber TikTok macht geklaute Inhalte durch die Abhängigkeit vom Algorithmus einerseits für den individuellen User sichtbarer und hindert sie gleichzeitig durch fehlende Timestamps daran, zu erkennen, was zuerst kam. Original und Kopie werden so gut wie gleichgesetzt. Es gibt nur noch die graue Content-Masse, ohne Anfang und Ende. Und das obwohl Anfang und Weiterentwicklung für die Internetkultur eine wichtige Rolle spielen. Die Entwicklung eines Memes mitzuverfolgen ist eine der schönsten Sachen am Internet. Aber hier erleben wir keine Entwicklung. Wir erleben Stagnation, die vom Algorithmus belohnt wird.


Der Snyder Cut, Teil 2

Vor ein paar Wochen habe ich über den Snyder Cut geschrieben - eine neue Fassung des Films Justice League (2017) nach der Vision des ursprünglichen Regisseurs Zack Snyder. Nach jahrelangem #ReleasetheSnyderCut-Geschrei von Fans in sämtlichen Kommentarspalten hatte Warner schließlich klein beigegeben und für 70 Millionen Dollar den Snyder Cut tatsächlich umsetzen lassen - exklusiv für Warners Streaming-Service HBO Max.

Das Ganze ist durchaus problematisch - unter anderem wegen des Präzendenzfalls, den es setzt. Wenn gar nicht mal so große Gruppen von Fans lernen, dass sie durch beharrliche Social Media-Blockade und Kommentar-Spams große Medienunternehmen dazu bringen können, nach ihrer Pfeife zu tanzen… ist das nicht unbedingt gut.

Vor zwei Wochen erschien der Snyder Cut dann tatsächlich, und die Kritiken waren - anders als bei Zack Snyder-Filmen üblich - vergleichsweise positiv. Ich kann nur hoffen, dass die Kritiker*innen das wirklich auch alle so meinen und nicht ihre Meinungen ein paar Punkte nach oben korrigiert haben, um nicht schon wieder von Snyders bizarrer Fanbase Hatemail zu bekommen. Ich habe den Snyder Cut auch gesehen und fand ihn (als Fan von Superheldenfilmen, aber auch als Mensch) einen sterbend langweiligen und energielosen Haufen Quark.

Ich stelle mir vor, dass die 24 Stunden nach dem Release in der Warner-Social-Media-Etage das Highlight des Jahres. “Wir können endlich wieder normal weiterarbeiten”, wird man sich gedacht haben. “Die verrückten Snyder-Fans werden uns in Ruhe lassen. Ich meine, wir haben ihnen ihren größten Wunsch erfüllt und es ist ja nicht so als würden sie auf einmal fordern, dass wir Zack Snyders 5 Filme langen und krachend gescheiterten Plan für ein Superhelden-Universum nach mehreren finanziellen Flops einfach auch umsetzen… Oder?”

Well.

So sehen aktuell die Drukos unter einem harmlosen Hunde-Tweet von Warners Streamingservice HBO Max aus.

Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Gib einem Fan einen Fisch und er fragt nach einem Steak.


Außerdem


Das Meme (?)


🛥,

gregor

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