Hier kommt die nicht-toxische Männlichkeit

Ein Problem und eine Lösung

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You’ve Got Male

Ich leite diesen Text mit einer Anekdote ein, die so Faust aufs Auge ist, dass sie komplett ausgedacht klingt, aber ich schwöre, sie ist so passiert:

Vor einem Jahr oder so meinte eine befreundete Radio-Journalistin A im Gespräch zu mir und einer anderen befreundeten Radio-Journalistin B, sie würde gerne mal eine Sendung über “Männlichkeit” machen. B: “Oh ja, ich wollte auch mal was zu toxischer Männlichkeit machen.” A: “Ich meinte eher Männlichkeit allgemein.” B: “Oh.”

Teil 1: Problem

Ich glaube nicht, dass es außerhalb der finstersten Twitter-Ecken wirklich Leute gibt, die “Männlichkeit” und “toxische Männlichkeit” automatisch für dasselbe halten. Aber man muss nicht lange überlegen, wo dieser inhaltliche Sprung herkam. In den letzten Jahren waren große Teile der Diskurse über “Männlichkeit” automatisch Diskurse über “toxische Männlichkeit”, insbesondere in den etwas linkeren Medien.

Wenn ich die Website der taz nach Artikeln über Männlichkeit durchgoogle, erscheinen auf der ersten Ergebnisseite sieben Artikel. Vier von ihnen enthalten im Titel oder im direkt angezeigten Textausschnitt den Begriff Männlichkeit nur in Kombination mit dem Wort “toxisch”. Bei Zeit und Spiegel ist es etwas weniger, aber immer noch auffällig. Wer über Männer redet, redet damit sehr oft automatisch darüber, warum Männer ein Problem sind.

Wir leben in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, in der Frauen in vielen Situationen, insbesondere im Berufsleben, weniger Kompetenzen oder Vorteile zugesprochen werden. Das führt, wie bei allen marginalisierten Gruppen, zu Frust und Wut, aber eben auch zu einem gewissen Zugehörigkeitsgefühl. Eine Frau kann Twitter beitreten, sich als Feministin definieren, und hat, genau wie Angehörige einer ethnischen Minderheit, der LGBT-Community o.ä., automatisch eine Community, der sie sich anschließen kann.

Ein Mann kann das, zumindest in dieser Form, nicht. Aber die Welt ist nun einmal voll von jungen Männern, die Anschluss suchen, sich einsam fühlen, alleingelassen. Meiner Vermutung nach ist das auch einer der Gründe, warum so viele junge Männer sich im Netz über Hobbys, Leidenschaften oder “Businesses” definieren. Bernie Bros, Krypto Bros, Bronies… Das Internet ist voll mit Communities, in denen sich Männer in etwas bis sehr seltsamen Leidenschaften ein Zugehörigkeitsgefühl finden. Natürlich geben ebendiese Communities sehr oft Anlass für exakt die “toxische Männlichkeit”-Sorgen, die unseren Diskurs bestimmen. Männlich geprägte Communities sorgen überdurchschnittlich oft für reichlich Toxicity in der Welt - besonders wenn es darum geht, dass auf einmal Frauen auch Teil der Community sein wollen.

Trotzdem sind diese Communities meist nicht inhärent toxisch. Und es gibt reichlich Beispiele für Communities, die früher deutlich schlimmer waren und sich mittlerweile (auch dank Zuwachs von Frauen) toleranter und offener zeigen. Weite Teile von Reddit zum Beispiel.

Viel problematischer sind Communities, die toxische Männlichkeit von Beginn an in ihrer DNA haben. Hier finden wir das Horrorkabinett des Internets: Incels, Pick-Up-Artists, “The Red Pill”, “Mens Rights Activists”, “Men Going Their Own Way”, 4chan-Nazis, usw. Und es ist kein Wunder, dass diese Communities massiv über den “Toxische Männlichkeit”-Diskurs rekrutieren. Im Subreddit /r/MensRights werden Posts wie dieser wenig hilfreiche Vice-Artikel namens “All Masculinity is Toxic” regelmäßig auf die Frontseite gevotet - darunter wenig eloquente Kommentare wie “Funny how I've never seen feminists complaining about tOxIc MaSCuLiNiTy while they're choking on a dick”.

Wenn Presse und soziale Medien auf einen labilen 17-jährigen Dude den Eindruck machen, sie würden Männer per se verurteilen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieser 17-jährige Dude sich seinen Männlichkeitsdiskurs eben woanders holt - und zwar von einer Gruppe, die nicht nur vorgibt, ihn für das zu akzeptieren, was er ist, sondern ihm sogar genau die Bestätigung gibt, die er anderswo nicht bekommt: Dass es reicht, sich einfach nur als Mann zu definieren. Das ist noch nicht das Problem. Das Problem ist, dass diese Communities im nächsten Schritt Frauen als Feminazis bezeichnen und reaktionären bis gewalttätigen Bullshit losblasen.

Ich bin der Überzeugung, dass es eine der größten Aufgaben unserer digitalen Gesellschaft ist, dafür zu sorgen, dass diesen Gruppen der Nachwuchs ausgeht. Und das ist eine gigantische Herausforderung. Die “Male Loneliness Epidemic” ist ein real thing. Und die beste Methode, um zu verhindern, dass jemand ein Extremist wird, ist, ihm eine positive Alternative anzubieten.

Teil 2: Lösung

Wir brauchen also ein neues Bild von Männlichkeit. Eines das…

  1. offen mit Emotionen umgeht

  2. inklusiv und modern ist

  3. niemanden verletzt

  4. Spaß macht

Dieser letzte Punkt ist unglaublich wichtig, und er wurde jahrelang vom “Toxic Masculinity”-Diskurs übersehen. Wenn junge Männer das Gefühl bekommen, “neue Männlichkeit” würde ausschließlich bedeuten, über toxisches Verhalten zu sprechen, dann viel Spaß dabei, das massentauglich zu bekommen.

Aber das Schöne ist: Genau diese Männlichkeit entsteht gerade, und zwar überall im Internet. Nicht-toxische Männlichkeit ist all around us, und eine der spannendsten und spaßigsten kulturellen Entwicklungen der Gegenwart.

“Dudes rock.”

“Dudes rock” ist ein Meme aus dem Bernie-Bro-Podcast Chapo Trap House, das sich mittlerweile in weiten Teilen des Internets niedergelassen hat. Es ist ein Satz für alles, was niemandem wehtut, Spaß macht und irgendwie jungs-mäßig ist. Und, vor allem: Was nicht gleich zu einem kompletten identitätsstiftenden Hobby werden muss.

Dazu gehört zum Beispiel ein Spiel zu spielen, bei dem man möglichst lange einen Ballon in der Luft halten muss oder als Junggesellenabschied eine mehrtägige LAN-Party mit Bier und Steak zu feiern.

Der “Dudes rock”-Ethos ist in den letzten Jahren massiv gewachsen, weit über diese Phrase hinaus. Er zeigt sich auf Twitter-Accounts wie “Men Posting Their Ws” (das W steht für Win):

Und er zeigt sich auf TikTok.

Mein Highlight der letzten Wochen: Dieses TikTok von @jourdanboii, einem mittelbekannten 18-jährigen. Das TikTok besteht aus zwei Clips. Der erste zeigt ein altes TikTok von ihm neben seiner schlafenden Freundin, mit dem Text “If I love her, I’m never falling in love again”. Dann folgt der aktuelle Clip, er schaut darin verzweifelt in die Kamera, schüttelt den Kopf. Es ist klar, dass sie ihn verlassen hat.

Tragic. Insbesondere für einen 18-jährigen. Und hier die Comments:

Wenn die moderne Männlichkeit darin besteht, sich auf TikTok über Liebeskummer ausheulen zu können und dann tausendfach Support von den Jungs zurückkommt… dann sind wir auf einem guten Weg, finde ich. Wir sind Dudes, und wir sind okay.


Außerdem

  • Rainer Winkler alias Drachenlord muss für zwei Jahre ins Gefängnis und ich muss deswegen der Redaktion im Bayerischen Rundfunk erklären, was diese komischen wütenden Emails bedeuten, die auf einmal reinkommen. Ich hoffe, dass diese sehr gute Gerichtsreportage in absehbarer Zukunft alles ist, was man noch zu dem Thema lesen muss. t-online.de

  • Eine alte M94.5-Freundin von mir, Felicia Hofner, betreibt seit drei Jahren einen ziemlich erfolgreichen YouTube-Channel über die Deutsch-Amerikanische Experience - und kann jetzt nach einigen juristischen Verwerfungen ihren alten Channel-Namen “German Girl in America” nicht mehr benutzen. Ich bin natürlich ein bisschen biased, fühle aber sehr mit Feli und finde es darüber hinaus abgründig faszinierend, dass ein weitgehend stillliegender Blog einen YouTube-Channel mit über 300.000 Abos zu einer Umbenennung zwingen kann. Spannende Story, auch wenn man Feli nicht kennt! youtube.com

  • Scott Galloway schreibt ein paar gute Sachen zu den Streaming Wars, Squid Game und Netflix’ Strategie, jetzt bewusst auf international produzierte Hits zu setzen. Wenn ich in einer deutschen Produktionsfirma arbeiten würde, würde ich mir schleunigst Gedanken machen, wie ein internationaler Serien-Hit made in Germany aussehen könnte. medium.com

  • Nichts ist cringe, solange es Views kriegt. Zahlen-maximalistische Betrachtungen über das TikTok-Phänomen @partyshirt. dirkvongehlen.de

  • Ein Content-Startup züchtet ein fiktionales Universum auf TikTok heran - mit Hauptfiguren, die erst einmal völlig ununterscheidbar sind von echten Menschen. Ich halte die Idee erstmal für ziemlich logisch und gut, Rebecca Jennings ist skeptischer. vox.com

  • KI-generierte Sneaker. thissneakerdoesnotexist.com


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