Die Hater-Drehtür: Ein Modell zum Reichwerden

Von Money Boy lernen

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Die Theorie der Hater-Drehtür

Üble Situation: Ich werde auf der Straße von Gangstern überfallen. Sie halten mir eine Knarre gegen den Kopf und rufen: “Nenne uns die Person, die auf die deutschsprachige Jugendkultur der 2010er Jahre den meisten Einfluss hatte! Sonst knallen wir dich ab!” Ich lächle. Die Gangster sind verwirrt. Sie haben nicht damit gerechnet, dass ich die Antwort wissen könnte. Ohne zu überlegen sage ich: “Money Boy.” Ehrfürchtig und geschlagen ziehen die Übeltäter von Dannen.

Über Money Boys Einfluss auf Jugendsprache, Hip-Hop und den Umgang mit Social Media sind sicher schon jede Menge schlaue Texte geschrieben worden (allerdings nicht von mir, müsste ich mal nachholen). Aber es gibt einen Aspekt, in dem Money Boy die 10er-Jahre geprägt hat, über den ich bislang kaum etwas gehört oder gelesen habe.

Ich nenne ihn die “Hater-Drehtür”.

Es ist heute leicht, das Video zu sehen, mit dem Money Boy 2010 berühmt wurde, und anzunehmen, es sei von Tag 1 ein Kulthit gewesen. Ab und zu wird das heute auch so erzählt - dass Dreh den Swag auf “polarisiert” habe oder zu “Hatern und Fans” geführt hätte.

Ich halte das für Geschichtsverzerrung. Ja, es gab Leute, die Money Boy schon 2010 gefeiert haben (unter anderem anscheinend der Rapper LGoony), aber die waren wie die Leute, die 2010 Bitcoin gekauft haben: Ihrer Zeit so sehr voraus, wären es mehr gewesen, hätten sie das Raumzeitkontinuum in Gefahr gebracht.

Als jemand, der auf den Schulhöfen und in den Kommentarspalten damals selbst dabei war, erinnere ich mich noch sehr gut an die klar vorherrschende Meinung: Dass Money Boy ein peinlicher Lappen sei. Und - wie ein Jahr später Rebecca Black - bestand seine Funktion im kulturellen Diskurs erst einmal darin, verhöhnt zu werden. Und nicht nur mit seinem ersten Song, sondern auch mit all denen, die er in den Jahren danach veröffenlichte.

Irgendwann änderte sich das.

Der Punkt, an dem mir das zum ersten Mal konkret auffiel, war wahrscheinlich dieser Track Anfang 2016: Money Boy hatte auf einmal verdammt gute Like-zu-Dislike-Verhältnisse. Die Leute hörten seine Mucke - und feierten sie! Was war passiert?

Money Boy hatte es über die Jahre geschafft, die Grenzen zwischen Ironie und Realness so zu verwischen, dass es irgendwann überhaupt nicht mehr um die Frage ging, ob das jetzt ernstgemeint war oder nicht. Sondern nur noch darum, ob es Leute gab, die Bock hatten, seine Sachen zu feiern. Und die gab es.

Er hatte den Fame durch den Hate eingesackt, war damit in eine Drehtür verschwunden, und zack, in derselben Bewegung als ernstzunehmender Rapper zurückgekehrt. Den aber - im Gegensatz zu allen anderen - schon jeder kannte.

Auf diese Weise wurde Money Boy auf einmal zu einem der ersten großen Cloud Rap-Artists im DACH-Raum, und war auf einmal Featuregast bei Haiyti (beste Rapperin Deutschlands).

(Was nicht bedeutet, dass er sein Money Boy-Image aufgeben musste. Money Boys Strophe in diesem Song ist grotesker Nonsens, und im Video mimt er während der eindeutigen Fußball-Line “Nie mehr Kreisklasse, ich muss in die Bundesliga” mit den Händen einen Basketballwurf. Priceless.)

Money Boy ist kein einzigartiges Phänomen. Seine Hater-Drehtür ist fast so etwas wie ein digitales Naturgesetz. Rebecca Black (bekannt durch ihren Anti-Hit Friday) hat mittlerweile eine respektable Indie-Karriere. Und noch härter ist es bei Mördan. Der schrieb 2011 die Schmalzrapballade Song Schatz, ich kann nicht mehr warten, schaffte es damit, Dreh den Swag auf nochmal um diverse Etagen zu unterbieten, und meinte es dabei allem garantiert immer komplett ernst. Aber unter seinem aktuellen Musikvideo, welches genauso unhörbar ist wie eh und je, gibt es lauter positive Kommentare.

Nostalgie ist einer der größten Treiber für popkulturellen Erfolg im Internet - und Nostalgie diskriminiert nicht nach Geschmack. Man freut sich einfach nur, jemanden wiederzusehen, den man schon seit Jahren aus dem Internet kennt.

Nur: Wenn das Rezept so einfach ist wie die Hater-Drehtür, und man eine große Menge an Hate-Klicks irgendwann ohne große Mühe in eine unironische Fanbase verwandeln kann, warum macht das dann nicht jeder?

Die Antwort ist: Es macht jeder. Oder zumindest erstaunlich viele.

Von BibisBeautyPalace’ einmaligem Ausflug in die Popmusik (“Wap bap”…) über Logan Pauls Abfilmen einer echten Leiche in Japan bis zu Vlogger Simex, der sich Anfang des Jahres selbst dabei filmte, wie er einen Passanten mit Hundekot bewarf… YouTube ist voll mit Vloggerinnen und Creators, die an mindestens einem Punkt ihrer Karriere alles ausreizten, was sie konnten - ohne Rücksicht auf Verluste. Heißt das, das all diese drei Aktionen von Anfang bis Ende durchkalkuliert waren? Nicht unbedingt. Aber weil Publikum und Plattform “kontroverses” Verhalten früher oder später belohnen, kommt es immer wieder zu solchen Geschichten.

Egal ob man einen Cringe-Popsong veröffentlicht hat, gegen die Totenruhe verstößt oder mit Kot um sich (nicht alles auf dem selben Level, aber you get the idea), selbst wenn eine Idee nach hinten losgeht, ist das Schlimmste was passieren kann, dass auf einmal sehr viele Leute auf den eigenen Channel klicken - und kurze Zeit später kann man geläutert aus der Hater-Drehtür erscheinen und das ganze neue Publikum flugs mitmonetarisieren.

BibisBeautyPalace ist heute einer der größten Influencerinnen und Podcasterinnen Deutschlands. Logan Paul ist Boxer und kann vor lauter Geld kaum noch gehen. Und Simex wird am Ende des gleichen Jahres, in dem er einen Mann öffentlich mit Hundekot bewarf, Teilnehmer einer RTL-Reality-Show sein. Die Hater-Drehtür funktioniert. Immer wieder. Und ist damit vielleicht die einzige Errungenschaft von Money Boy, auf die wir lieber verzichtet hötten.


Außerdem

  • Eine Betrugs-Kryptowährung namens “Squid Game” explodierte im Wert, bis die Urheber mit dem Gewinn abhauten. Fast am Interessantesten dabei: Wie selbstverständlich beliebte Popkultur-Symbole heute anderen Dingen übergestülpt werden, die damit gar nichts zu tun haben. Es ist unmöglich, etwas bekannt zu machen, ohne dass es automatisch ein Meme wird. br.de

  • Lies diesen Artikel von mir, wenn du in letzter Zeit das Wort “DAO” irgendwo gelesen hast und wissen möchtest, was es bedeutet. br.de

  • Sehr gutes nachdenkliches Essay über die ineinander blutenden virtuellen und analogen Welten unserer Zeit, und was das für Facebook und das Metaverse bedeutet. garbageday.email

  • Dieser Link-Shortener funktioniert fast wie jeder andere Link-Shortener. Aber es gibt eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass der Link zu einem Rickroll führt. rroll.to

  • Diese Website ist ein Ort für Geheimnisse, die von Usern per Postkarte eingesendet werden. postsecret.com


Die gute Seite

Storytime:

SSIO ist ein deutscher Gangsterrapper, der sich schon seit Jahren Beiträge zur Deutschrapszene leistet, die mit keinem seiner Kollegen vergleichbar sind. Liegt auch daran, dass er neben ziemlich irren Flows und einer Stimmenenergie wie ein Opernsänger gelegentlich mal Zeilen rappt wie “Ich will Texte schreiben/Mir fällt nichts ein/Aber dafür fällt mir auf/Dein Bizeps ist klein”. Und sowas kommt halt einfach um einiges lustiger, wenn der Typ, der das rappt, wirklich aussieht wie ein alles zermalmender Schrank und nicht wie, naja, Money Boy.

Aktuell ist SSIO aber vor allem das Nummer 1-Meme auf TikTok. Ich kann nicht weiter als fünf Videos scrollen, ohne auf mindestens ein Video zu stoßen, in dem jemand SSIOs mörderische Stimme auf einen anderen, meist absurd weichen Beat, gepackt hat. Und jedes einzelne ist ein musikalisches Meisterwerk.

Meine Lieblinge:

Angefangen hat alles - soweit ich weiß - mit diesem TikTok, das SSIO mit Abbas Gimme Gimme Gimme kombiniert

SSIO (der selbst ziemlich lustig auf TikTok ist) ist in meinen Augen das perfekte Subjekt für einen solchen Hype. Real Talk, ich kann mit fast allem Deutschrap seit ca 2016 praktisch überhaupt nichts mehr anfangen und dass SSIO, der ja mehr die “oldschoole” Gangsterrap-Schule verkörpert, mit der ich aufgewachsen bin, auf diese Weise relevant bleibt, ist einfach ein Win-Win.

Und zuletzt das Highlight: Anscheinend haben die ganzen Gen Z-Kids, die diese Videos verbreiten, noch nie das Wort “Mashup” gehört, weshalb sie die Clips i.d.R. als “ehrenlose Remixe” bezeichnen. And I think that’s beautiful.


👿,

gregor