Der Triumph der Skinny Jeans

Hosen, Mittelscheitel, Gen Z, Millennials, TikTok, Krieg

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Gen Z vs Millennials vs das echte Leben

Aufgepasst: Gegen Ende dieses Texts kommt ein Plot-Twist!

Ich wohne gleich neben der Hackerbrücke in München - einer Auto- und Fußgängerbrücke, die die gediegene Maxvorstadt mit dem etwas rotzigeren Westend verbindet. Ausgezeichnet wird sie von einem S-Bahn-mäßigen Industrial Chic, sowie der Tatsache dass man auf eine etwa zwei Meter hohe Brüstung (oder wie auch immer man das nennt) klettern und dann dort biertrinkend den Sonnenuntergang/S-Bahn-Verkehr genießen kann.

Es ist ein beliebtes Insta-Motiv:

Bei gutem Wetter ist die Brüstung komplett voll - bedeutet: Über die gesamte Länge der Brücke baumeln einem beim Vorbeigehen Beine entgegen, ziemlich genau auf Augenhöhe. Und zwar nicht irgendwelche Beine - sondern die Beine der coolsten, urbansten, angesagtesten Münchner 15-bis-30-Jahre-Generation, die da pandemiebedingt ihre Get-Togethers nach draußen verlegt.

Seit ein paar Monaten ist die Hackerbrücke aber viel mehr als nur eine Brücke: Sie ist - für mich zumindest - der ultimative Indikator über den Stand der Skinny Jeans-Entwicklung. Ich kann nicht mehr über diese Brücke gehen ohne zu überlegen ob die Hosen, die da neben meinen Ohren baumeln enger oder weiter sind als noch vor ein paar Wochen.

Warum?

Weil mein fucking Brain broken ist, darum.

Der Skinny-Jeans-Diskurs, kurz erklärt:

Gen Z, die Generation, die in der Regel mit einem Geburtsdatum nach 1998 definiert wird, hat angeblich beschlossen, welche Styles im Jahre 2021 verboten sind. Darunter Seitenscheitel, Sneakersocken, irgendein anderer Quatsch und vor allem Skinny Jeans aka Röhrenjeans. Man muss jetzt weite Hosen tragen oder man ist menschlicher Abschaum, so die Botschaft.

Dass eine bestimmte Altersgruppe sich kleidungstechnisch abhebt, ist nichts Neues (thinking of unsere primärfarbenen Zip-Up-Hoodies und Justin Bieber-Haare ca 2009). Genauso ist es nichts Neues, dass direkt aneinander anschließende Generationen einander peinlich und bescheuert finden.

Was neu ist: Die Gen Z gibt sich nicht damit zufrieden, ihren Stil zu tragen, wie sie will... sondern führt seit Monaten einen bitteren Propagandakrieg gegen Skinny Jeans und all die anderen Dinge, die ihrer Meinung nach out sind. Und das durch böse Botschaften an die komplette Millennial-Generation. Natürlich alles auf TikTok.

Und die Millennials, die sich ihre High-Waisted Skinny Jeans vor etwa einem Jahrzehnt mit Zähnen und Klauen erkämpft haben, reagieren mit Rachegelüsten und Gegenangriffen.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie bescheuert das für jemanden klingen muss, der den Skinny Jeans-Diskurs bisher erfolgreich im Leben umschifft hat. Deswegen muss man echt betonen, dass Artikel über den großen Skinny Jeans-Krieg seit Februar ungefähr so allgegenwärtig geworden sind wie Texte über den Nahostkonflikt.

Es ist nicht der erste große Social Media-Generationenstreit. Auch das Wort "Boomer" und die damit verbundene Alte-Leute-Kritische-Catchphrase "OK Boomer" haben für jede Menge nachdenkliche Texte gesorgt. Diese behandelten damals natürlich vie mehr als nur ein Wort: Es ging um fehlenden Respekt vor digitalen Skills, Generationenungleichheit, steigende Miet- und Immobilienpreise, etc.

Der Gen Z/Millennials-Konflikt ist sehr viel weniger spannend, was sich auch darin äußert, dass es selbst den schlausten Jungfeuilleton-Autor*innen bisher nicht gelungen ist, glaubhaft zu erklären, dass man an der Beliebtheit von Skinny Jeans, Mittelscheitel und "No Show Socks" irgendwelche gesellschaftlichen Fragen abarbeiten könnte.

Besonders peinlich wird es, wenn im Selbstzweifel ertrinkende Millennials selber anfangen, Millennials-dissende Texte zu schreiben und die Generation nach ihnen über den grünen Klee zu loben. Ich habe in den letzten Wochen mehrere Essays dieser Art gelesen und alle waren - um es mal in der Sprache meiner Generation zu sagen - harter Cringe.

All das ist relativ bekloppt. Aber das wahre Level an Beklopptheit erkennt man erst, wenn man an einem lauen Frühlingstag über die Hackerbrücke spaziert (roter Faden!), in der Stadt München, die, last time I checked, nicht als mode-technisch komplett zurückgeblieben verschrien ist.

Was sieht man da?

Hautenge Skinny Jeans. Und zwar in jeder Altersgruppe zwischen 14 und 35. Und daneben: Aladdin-mäßige Riesenhosen, in denen man eine komplette Poolnudel verstecken könnte. (Und das ist nicht nur ein Münchner Phänomen.)

Denn das ist der Twist dieser Geschichte: Die ganzen Essays über Generationenkriege, Hosen- und Haarschnitte sind letztlich komplett banane. Trends kommen und gehen, Hosen werden enger oder weiter (gerade irgendwie beides gleichzeitig). Aber irgendwie hat sich in der Corona-Zeit die Annahme breit gemacht, man könnte das beobachten, indem man schaut, was irgendwelche Teenager auf TikTok behaupten. Aber nur weil der Algorithmus gerade ein paar kalkulierte Millennial-Provokationen in die Timelines haut, heißt das nicht, dass das für die Ansichten einer gesamten Generation steht. Und erst recht nicht, dass die echte Welt sich wirklich darum kümmert.

Die fantastische Terry Nguyen schreibt in ihrem Newsletter Gen Yeet:

Please don’t fall prey to peer pressure campaigns mounted by kids on the internet. The girlboss cliché, “Girls don’t dress for boys, they dress for themselves,” applies to not caring about judgmental teen fashion tastes! For the record, I rock a side part that is slightly off-center, and I am a proud contrarian when it comes to appearance-related trends. I refuse to compromise what works for me: side-ish part, diversity in my denim collection, and subtly arched eyebrows.

Eigentlich gar nicht so kontroverse Meinung: Sich mit dem eigenen Stil anfreunden und wohlfühlen ist cooler als auf Teufel komm raus jedem angeblichen Jugendtrend hinterherzuhecheln.

Gut möglich, dass wir in ein paar Monaten "Die Skinny Jeans kommt zurück!"-Überschriften bekommen, sobald Charli D'Amelio sich einmal in einer blicken lässt. Die Wahrheit wird sein: Die Skinny Jeans war nie weg. Ihr wart nur zu online, um es zu bemerken.


Außerdem


Das Meme


genießt das leben, in den hosen eurer wahl.

👖,

gregor

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