Das Gegenteil von Theophilus Junior Bestelmeyer

Plötzlich auf der Bühne des Internets

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Teil 1. Theophilus Junior Bestelmeyer

Eine junge Büroarbeiterin in Charlotte, North Carolina will ein neues Tattoo: Und was es wird, das sollen die TikTok-Comments entscheiden . Und die Kommentare sind eindeutig: 

Der Name, der nach Internetlogik also bald auf ihrer Haut landet, ist Theophilus Junior Bestelmeyer (der obere Kommentar schreibt ihn richtig, good job). Theophilus Junior Bestelmeyer (zu dem Dirk von Gehlen und Markus Bösch bereits gute Meme-Feuilleton-mäßige Sachen geschrieben haben) ist ein junger schwarzer Mann aus Deutschland, der einzig und allein über die Tatsache bekannt geworden ist, dass er Theophilus Junior Bestelmeyer heißt. Ein Name, bei dem man erst einmal an einen preußischen Fürsten denken muss, der 1650 geboren und 1680 von seiner Frau erstochen wurde. Stattdessen ist es der Name von ihm hier: 

Mittlerweile ist das Leben von Theophilus Junior Bestelmeyer noch ein ganzes Stück optimaler geworden. Er hat Nationalspieler Antonio Rüdiger getroffen, ist auf dem TikTok-Kanal der Tagesschau gelandet und hat gute Chancen, bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres 2021 hoch einzusteigen. Man gönnt es ihm. In all seinen Videos wirkt Theophilus Junior Bestelmeyer (ich weigere mich, den Namen irgendwie abzukürzen) wie ein mega sympathischer Kerl. 

Der “Hype” um Theophilus Junior Bestelmeyer ist nicht ohne historische Vorbilder. Vor fast zehn Jahren, als Memes noch auf Facebook groß wurden, entstand mal ein Hype um den Schalke-Fußballer Hans Sarpei, der bis heute nicht wirklich meme-historisch aufgearbeitet wurde. Hans Sarpei, auch sehr sympathisch, auch schwarz, auch mit urdeutschem Vornamen, machte das Spiel von Memeseiten wie "Hans Sarpei - das 'L' steht für Gefahr" mit - und wurde kurzzeitig Social Media-Berater.

Ich muss auch an Ken Bone denken. Ken Bone ist der Name eines nett aussehenden Mannes mit rotem Pullover, der bei der US-Präsidentschaftsdebatte 2016 eine Frage an Hillary Clinton und Donald Trump stellte und dessen Nachname ein amerikanisches Slangwort für Penis, höhö, ist. Von Null auf Hundert wurde Ken Bone zum Netzphänomen, er wurde in Talkshows eingeladen, bekam ein eigenes Sexy Ken Bone-Halloween-Kostüm und beantwortete begeisterten Fans Fragen auf Reddit. Dummerweise kam dabei auch heraus, dass Ken Bone in der Vergangenheit sehr zweifelhafte Kommentare auf Reddit hinterlassen hatte - u.a. sexuellen Inhalts. Einen Monat zuvor kannte niemand Ken Bone. Jetzt kannte jeder seine Lieblingspornos. Es war... weird.

Das Internet liebt es, willkürliche Menschen berühmt zu machen. Theophilus Junior Bestelmeyer und Ken Bone (und, in gewissem Maße, Hans Sarpei, der nie ein großer Fußball-Star war) waren irgendwelche Normal-Otto, bis der Drohnenschwarm des Social Webs sich willkürlich entschied, sie auf die Bühne zu heben, einfach mal, um zu schauen, was passiert. In solchen Momenten erfüllt sich das Urversprechen des Internets: Hier kann jeder berühmt werden - die Regeln sind für alle gleich. Oder zumindest für alle, die einen lustigen Namen haben. 

Teil 2. Das Gegenteil von Theophilus Junior Bestelmeyer

Es gibt noch eine Person, die auf TikTok gerade viel Aufmerksamkeit bekommt. Allerdings nicht weil sie so beliebt ist. Eher im Gegenteil. 

@buendia_international ist der Account einer jungen Frau, deren Namen ich hier nicht nennen möchte, weil mir unwohl dabei wäre, wenn man beim Googlen ihres Namens auf diesen Text stieße (er ist aber nicht geheim). Der Content von @buendia_international besteht ausschließlich aus TikToks, in denen sie “schlagfertige” Antworten vorschlägt, wenn man mal in eine unangenehme Situation gerät. 

Das Problem: Die Antworten, die sie vorschlägt, sind ziemlich cringe. 

Eines ihrer TikToks transkribiert:

Ein Satz, wenn jemand zu dir sagt “

Wachs mal, du bist voll klein

”Weißt du’s noch nicht? Ich bin schon dem Minion Club beigetreten!

[Minion-Sprache]

Soweit man das erkennen kann, meint @buendia_international ihre Videos ernst. Also auch ihre Retourkutschen für “Warum dauert das so lange?” (“Warum eigentlich nicht”) und “Du bist scheiße” (“Ganz so unrecht hast du nicht, denn ich bin mein eigener Dünger für meinen persönlichen Erfolg”). Wer sie nicht ernst nimmt, sind fast alle andere Leute auf TikTok. Das Minion Club-TikTok hat über 13.000 Kommentare - fast jeder davon negativ. Nur: Es sind halt 13.000 Kommentare. Und in der Attention Economy zählt nichts anderes mehr. 

Es ist auf TikTok zu einem Meme geworden, Videos von @buendia_international zu verarschen, indem man ihre Antwort-Tipps versucht, auf das “echte Leben” anzuwenden, was in der Regel damit endet, dass jemand eine aufs Maul bekommt (gerne angucken, es ist leider ziemlich witzig, Beispiel 1 Beispiel 2 Beispiel 3)

Es gibt einen legendären Tweet, der die negativen Dynamiken auf Twitter sehr gut zusammenfasst und heute oft zitiert wird: 

Der “Twitter Main Character”, das ist die jeweilige Sau, die während eines gegebenen Tages durch das Twitter-Dorf gejagt wird. Der “Bean Dad” des Tages eben. Über den alle herfallen, weil es einfach gerade alle machen. Auf Twitter ist diese Dynamik sehr bekannt - und sie hat bei aller Grausamkeit auch etwas Gutes: Sie ist in der Regel nach ein paar Tagen wieder vorbei. 

Andere Ecken des Internets funktionieren anders. @buendia_international ist nicht Hauptcharakter auf TikTok, sie ist Nebendarstellerin, aber das konstant, immer wieder. Weil sie trotz allem weiter neue Videos macht, in exakt dem gleichen Stil wie zuvor. Obwohl ihr die Plattform nichts als Häme zurückgibt. 

Es gibt Leute, die es geschafft haben, diesen Status der Lächerlichkeit zu überwinden und für sich zu nutzen. Money Boy ist von einer Lachnummer zu einem der einflussreichsten deutschsprachigen Creator der Internetgeschichte geworden. Aber es gibt auch Leute wie Drachenlord, die, sobald sie einmal von der Aufmerksamkeitsmaschine des Internets abhängig geworden sind, nicht mehr davon loskommen. 

Social Media ist verführerisch. Vor allem für Menschen, die dort auf einmal massenhaft wahrgenommen werden - ob positiv oder negativ. Damit umzugehen ist psychologisch unermesslich anstrengend, und es kommt ständig zu Situationen, in denen Menschen auf der Basis plötzlicher Aufmerksamkeitsexplosionen unkluge Entscheidungen treffen. Mit Theophilus Junior Bestelmeyer et al gibt ab und zu Geschichten, in denen Social Media einen Menschen mit einem virtuellem Goldregen überschüttet. Aber über viele andere Leute regnet es einfach nur Regen. Und darunter kann es verdammt kalt werden.


Außerdem

  • Caitlin Flanagan schreibt sehr überzeugend über die Schädlichkeit von Twitter. Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Text… auf Twitter. theatlantic.com

  • Der Dubai-Traum ist vorbei - jede Menge Influencer kommen aus ihren zurecht kritisierten Auswanderer- und Steuerflüchtlings-Träumen zurück nach Deutschland. morgenpost.de

  • Wo ist die Grenze zwischen Journalist*in und Influencer*in? theguardian.com

  • Wie Lil Nas X durchs Austricksen von Algorithmen zum defining Popstar der Gen Z wurde. digitalnative.substack.com

  • Kinder sind oft das Gesicht von Social Media-Accounts - ob sie wollen oder nicht. Jugendschutz ist anscheinend bei Millioneneinnahmen ein vernachlässigbares Konzept. netzpolitik.org

  • Dieser Subreddit sammelt machine-learning-generierte Bilder, die von KI auf Basis von Text-Prompts erstellt werden. Der Titel ist jeweils der Text, mit dem KI gefüttert wurde, das Bild das Ergebnis. Spooky. reddit.com/r/bigsleep

  • Parasoziale Beziehungen sind der Haupttreiber hinter dem Erfolg von großen Social Media-Accounts - wo fängt ein Freund an, wo hört ein Follower auf? every.to

  • Male ein Gesicht und lasse dir es von einer KI in echt bauen. massless.io


Das Meme


theophilus junior bestelmeyer.

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gregor