Bernie-Memes, lasst euch Zeit!

Keine Angst vor dem Harlem Shake +++ Leave Bernie Alone +++ Wie macht man TikTok langweilig?

ich hätte es ja wirklich sehr schön gefunden, diese ausgabe rein aus trotz komplett bernie-frei zu lassen. es ist die woche von joe und kamala! oder sollte es zumindest sein.

hat nicht funktioniert. dafür hab ich erneut clubhouse ignoriert. :)

welcome an alle, die neu in der aboliste gelandet sind oder es vielleicht tun wollen (auf coolgenug.substack.com). auf twitter bin ich auch.

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Lob des späten Memes

In der alten Zeit, als Innenräume noch ungefährlich und Memes noch in Impact-Font geschrieben waren, gab es das Slowpoke-Meme:

Slowpoke, ein wenig helles und gutmütiges Pokémon, war Anfang der 00er-Jahre ein typisches “Advice Animals”-Meme: Eine grelle Grafik, Impact-Schrift und immer derselbe Witz mit kaum Variationen. Der Witz: Slowpoke verkündet ausschließlich Nachrichten, die schon lange veraltet sind. Er ist das Mitglied der Freundesgruppe, das immer am längsten braucht, um etwas mitzubekommen.

Slowpoke war nie ganz so beliebt wie andere Maskottchen der Advice Animals-Szene - siehe Bad Luck Brian oder Success Kid - und das auch zurecht, das Teil gibt selbst für die niedrigen Standards der Früh-Reddit-Memekultur nur sehr wenig her. Trotzdem ist Slowpoke heute ganz interessant. Denn: Die veralteteten Dinge, die Slowpoke verkündet hat, waren wirklich alt. Mehrere Jahre. Mit einer Sache, die erst eine Woche her war, hätte das Meme damals nicht funktioniert.

Damals nicht.

Und heute?

Jap. Ich war heute zum ersten Mal seit Jahren wieder im ImgFlip-Meme-Generator.

Hier ist mein selbstgeschneidertes Meme der Woche:

Ja, das Bernie-Meme ist jetzt schon out.

Noch vor einem Jahrzehnt dauerte ein Meme-Zyklus ewig. Zwischen der Premiere von Grumpy Cat auf Reddit 2012 und der Premiere des Lifetime Original Grumpy Cat-Films (ja, wirklich, den gab es) lagen über zwei Jahre.

Letzte Woche lagen zwischen diesem Tweet

und diesem mittlerweile gelöschten Amazon-PR-Desaster

keine zwei Tage.

Memes waren früher einmal wie eine Lawine, die sich schrittweise beschleunigte und unterwegs immer mehr Geröll mitnahm. Mittlerweile gleichen sie eher einer Vulkanexplosion, die erbarmungslos die gesamte Umgebung in feurigem Inferno einäschert.

Und weil Social Media eben nicht nur Höhö Spaß, sondern auch harter Business ist, möchte ich nicht in der Haut der vielen überarbeiteten Social Media-Leute stecken, die in Überstunden-Zoom-Calls Donnerstagabend plötzlich über eine Bernie-sitzt-Strategie diskutieren mussten. Warten? Nicht möglich. Spätestens Montag ist das Meme so oll, da könnte man gleich einen Harlem Shake posten.

Das Issue damit ist: Das Bernie-Meme ist nicht wirklich gutes Social Media. Memes sind Humor, und Humor lebt von Unberechenbarkeit. Wenn aber acht der ersten zehn Tweets in meiner Timeline Bernie-Memes sind, dann brennt man aus. Ich bin persönlich überhaupt nicht mehr in der Lage, die Bilder inhaltlich wahrzunehmen. Bernies Stuhl verfolgt mich in meinen Träumen. Er soll weggehen.

In einem diese Woche erschienenen Essay (danke Johannes Klingebiel) beschreibt Caroline Busta das Problem mit Counter-Culture im Internet - hier der direkt hervorgehobene Absatz, auch wenn der Rest auch sehr gut ist.

To be truly countercultural in a time of tech hegemony, one has to, above all, betray the platform which may come in the form of betraying or divesting from your public online self.

Diese Idee - der Verrat der eigenen Plattform - ist der Antrieb für die meisten wirklich guten Dinge, die wir auf Social Media heutzutage sehen. Und im Moment gibt es kaum etwas, was so Counter-Culture wäre wie in einer Zeit, in der Memes nach kürzester Zeit wieder memea non grata werden, einfach viel zu spät dran zu sein:

Zur Erklärung:

Die Frau ist Maddie Ziegler (u.a. bekannt als die junge Tänzerin in diversen Sia-Videos), das Video ist ihr TikTok-Debüt vor drei Tagen und der Tanz ist der “Renegade” - eine TikTok-Dance-Challenge aus dem Jahr 2019. NEUNZEHN. Dass Maddie Ziegler den einfach mal eben als TikTok-Premiere im Jahr 2021 bringt und damit 16 Millionen Views, ist einfach ein - in Ermangelung eines besseren Wortes - ziemlicher Boss-Move. Natürlich ist sie spät dran. Aber she don’t give a fuck. Alexa, definiere Coolness.

Was Maddie Ziegler hier macht, könnte in den nächsten paar Jahren zur Methode werden. Der Zwang, immer wieder das Aktuelle jagen, ist auf lange Sicht ermüdend. Es wäre sehr viel gesünder - und cooler - wenn man den bewussten Bruch mit dem Aktualitätswahn als Stilmittel akzeptieren würde. Wenn man Impact-Font-Memes und TikTok-Challenge einfach nach einer Weile zurückbringt, so wie Schlaghosen und Leoparden-Prints. Upcycling für Memes.

Übrigens: Eine meiner liebsten Internet-Beschäftigungen seit Jahren ist es, auf YouTube nach “Harlem Shake” zu suchen und nur Ergebnisse aus dem letzten Monat anzuzeigen. Es gibt immer noch neue Ergebnisse, in der Regel mit zwei- bis dreistelligen View-Zahlen. Und warum nicht. They don’t give a fuck.


Das einzige gute Bernie-Meme

Stichwort Counter-Culture: Wie geht noch ein lustiges Bernie-Meme, wenn Bernie auf allen Bildern immer das Gleiche macht: Sitzen.

Indem man das Bild so uminterpretiert, dass er etwas völlig anderes tut. Die Handpose kennen wir schließlich auch von wo anders…

Ich präsentiere: Das einzige Bernie-Meme, über das ich wirklich gelacht habe. Es ist auch das vermutlich einzige, das keine 50.000 Likes hat. Blah. Mir egal.

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Danke an Lea für den Hinweis!


Warum klingen die TikTok-Stars in dieser Zeit-Story so langweilig?

Die Zeit hatte diese Woche eine Art Homestory über das TikTok-Geschwisterpaar sontvn und saintlinh, die sich in erster Linie dadurch auszeichnet, dass sie etwas schnarchig ist.

Wir lernen, dass Son schonmal auf der Straße von Fans erkannt wurde. Wir lernen, dass es ihn nervt, wenn ein Clip, an dem er lange gearbeitet hat, nicht viral geht. Wir lernen, dass er Geld mit Product Placement verdient.

Hier ist die TikTok-Account-Originstory, as told by Die Zeit:

Eines der ersten Videos ihres Bruders zeigt erst sein Gesicht, dann einen blassen Regenbogen. Unter das Video schreibt Son: "Das war mein erster Regenbogen. Habt ihr schon mal einen gesehen? 🌈 | #foryou #germany #foryoupage." Tatsächlich passiert das, was Son mit "#foryoupage" bezwecken will. Der Clip landet auf der Startseite und bekommt viel Aufmerksamkeit. "Da habe ich gemerkt, dass ich mehr Videos machen möchte. Also habe ich begonnen, regelmäßig etwas zu posten."

Ich schätze, ich muss einfach akzeptieren, dass es solche recht trockenen Explainer-Texte über Social Media auch 2021 natürlich noch braucht - deswegen will ich auch niemanden kritisieren, der in die Entstehung des Artikels involviert war: Ich bin offensichtlich nicht die Zielgruppe. Ich finde es nur ein bisschen schade, weil in den USA regelmäßig absolut grandiose Influencer-Porträts in den großen Zeitungen erscheinen sind.

Ich stelle mir vor, dass jemand, der sein Wissen über TikTok-Influencer aus einem solchen Artikel bezieht, schnell zu dem Schluss kommt, TikTok-Influencer wären langweilig und hätten nichts zu sagen. Ein bisschen wie Fußballer: Spannend auf dem Platz, aber in Interviews? Schnarch. Ich glaube nicht, dass das so ist.


Außerdem


auf eine berniefreie woche.

🪑,

gregor

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