City Pop und die Magie japanischer Popmusik der 80er

(Taylor's Version)

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Handhalten mit der Vergangenheit

Die Vergangenheit und die Gegenwart sind nur eine Armlänge entfernt. Taylor Swift hat das verstanden. Swift ist nicht nur wegen ihrer Musik die wichtigste Popikone unserer Zeit - sie bespielt auch die Sehnsüchte der Welt mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie ihre Westerngitarre.

Als die Master-Aufnahmen der ersten sechs Alben von Taylor Swift vor einigen Jahren in den Besitz eines von ihr verhassten und auch sonst nicht sonderlich beliebten Musik-Produzenten fielen, kündigte sie an, sich ihre Songs “zurückzuholen” - indem sie sämtliche Alben neu aufnehmen würde. Doch anstatt diese Re-Recordings als die bürokratischen Akte der Rechteverwertung zu begreifen, welche sie eigentlich sind, schaffte Taylor Swift es, sie zu kulturellen Events aufzublasen - als wären es völlig neue Meisterwerke.

Die neue Version ihres vierten Albums, Red (Taylor’s Version), wurde vor einer Woche offiziell veröffentlicht - und ist eines der größten musikalischen Ereignisse des Jahres. Die Musikpresse glüht vor Begeisterung, auf TikTok wird jede Passage des Albums gefeiert und analysiert, und rund um eine neu veröffentlichte 10-minütige Version des Fanlieblings All Too Well wurde ein kompletter Kurzfilm sowie eine ausführliche Saturday Night Live-Performance inszeniert.

Der Erfolg von Red (Taylor’s Version) zeigt, dass Popkultur die Vergangenheit nicht nur durch Rückbezüge, wiederentdeckte Sounds und Textzitate zur Orientierung nutzen kann. Sondern dass sie auch ganze Werke aus der Vergangenheit greifen kann, in der Gegenwart neu kontextualisieren, und damit Ruhm, Emotionen und Relevanz einheimsen.

Ich bin, natürlich, Taylor Swift-Fan und halte Red (Taylor’s Version) für den wahrscheinlichen Höhepunkt ihrer gesamten musikalischen Karriere. Aber dieser Gedanke endet nicht bei ihr: Denn das was Taylor Swift getan hat - aus einem musikalischen Werk der Vergangenheit ein Phänomen der Gegenwart zu machen, das gleichzeitig neu und nostalgisch klingt - das passiert auch anderswo im Internet. Und dort vor allem weniger kalkuliert.

Das ist der Song Plastic Love der japanischen Popsängerin Mariya Takeuchi. Das Musikvideo wurde am 11.11.2021 veröffentlicht, einen Tag vor dem Release von Red (Taylor’s Version). Die Reaktionen: Überschwänglich. Während ich das hier schreibe, sitzt das Video auf Platz 1 des /r/videos-Subreddit.

Das Besondere daran? Das Musikvideo wurde 2019 gedreht, und 2021 veröffentlicht. Dabei ist der Song fast vierzig Jahre alt: Er stammt aus dem Jahr 1984.

Jahrzehntelang war Plastic Love ein vergessener Song - selbst in Japan wurde er nur etwa 10.000 mal verkauft. Dann, durch einen plötzlichen Blitz des Schicksals, tauchte Plastic Love im Jahr 2017 wieder auf - in Form eines Remixes auf YouTube. Der Remix und das dazugehörende Cover fand eine Art Kultfangemeinde, und führte zu einer umfassenden Neuerschließung des Songs und der ganzen Ästhetik um ihn herum. Plastic Love ist ein sehr sanfter und sehnsüchtiger Song, die heartbreaking Lyrics teilweise auf Japanisch, teilweise auf Englisch, der Sound klar definiert 80er, und doch so flüchtig wie eine Erinnerung an einen nächtlichen Spaziergang durch Tokyo, den es nie wirklich gegeben hat.

Der Song wurde zum Phänomen - Vice nannte ihn den “besten Popsong der Welt”, es folgten Remixes, Coverversionen. Diese Version hier ist mittlerweile eines meiner Lieblingslieder überhaupt (nicht nur, aber auch, wegen dem Hund im Studio):

Plastic Love ist aber kein Einzelphänomen. Sondern vor allem einfach der prominenteste Vertreter von “City Pop” - einem nur vage definierten Genre japanischer Popsongs der 70er und 80er, die über die letzten Jahre im Internet neu entdeckt und so vierzig Jahre später zu einer völlig neuen Ästhetik definiert wurden. (Der englischsprachige Wikipedia-Artikel für “City Pop” ist gerade einmal zwei Jahre alt.)

Das Genre hat alles Mögliche zu bieten - von Kult-Klassikern wie Midnight Crusin’ über sorgfältig kurierte aktuelle DJ-Sets bis zu echten Kuriositäten wie dem 1982er City Pop-Album Amore von einer Künstlerin namens Alessandra Mussolini, und ja, sie ist seine Enkelin.

City Pop ist riesig - Songs und Compilations werden auf YouTube millionenfach gesehen, und seine größten Vertreter werden im Netz kultartig verehrt - obwohl sie teilweise nicht einmal auf Spotify verfügbar sind. Allzu schlimm ist das aber nicht - denn City Pop ist nicht nur ein Audio-Medium. Eine Lo-Fi-Retro-Ästhetik gehört genauso dazu wie die labilen Synthesiser.

Hier zeigt sich auch, wo Vergangenheit und Gegenwart auseinander driften. Im Japan der 80er-Jahre war City Pop der Soundtrack zum Tech-Boom, eng verbunden mit neuen Technologien, Versprechen einer glorreichen Zukunft und einer sich rapide modernisierenden Welt.

Aus heutiger Sicht klingt City Pop aber eher wie ein Traum von einer Welt, die nie zustande gekommen ist - eine Sehnsucht nach einer Zukunft, die heute genauso unerreichbar scheint wie das Tokyo der 80er-Jahre. Es ist ein melancholisches, nostalgisches Genre. Und wie alle Phänomene im Netz entsteht es im Austausch mit anderen - die Verbindung zu den räumlich getrennten Internet-Nutzern der Gegenwart ist genauso wichtig wie zu den zeitlich getrennten Musikern der Vergangenheit.

Unter dem originalen Plastic Love-Video auf YouTube fand sich ein Kommentar eines anonymen Users, der heute noch von City Pop-Fans verehrt und zitiert wird.

I remember growing up in Japan when I was 10. I had just stepped out of a book store, and a pretty girl the same age shyly held out her hand to me and asked me if I wanted to walk around with her. This song was playing on the radio where we stopped to have ramen together. She never gave me her name, but told me a day to always meet her to hold hands and walk or picnic. I finally got her name a few months later - Mitsuki. We became close friends, but my parents took a job to America when we were 13, so I had to leave her, both of us in tears and snot. I would send her letters, and she would send letters back. At 22, she suddenly stopped mailing me. I thought she was gone. 5 months later, she was at my door in America, with her hand out to me when I opened the door. We're married in our 40's now, and we've taken walks through multiple cities together across the world and we always stop someplace that has noodles and play this song on our phone. Thank you Mariya. Your love may be plastic, but mine is beautiful thanks to this song. If you see a middle-aged couple with or without their kids with them, holding hands and acting like teenagers or even young kids in Tokyo browsing the shops, its us.

Der Erfolg von City Pop ist letztlich vor allem der Erfolg von solchen kleinen Geschichten. Ob diese Story wahr ist oder nicht ist genauso unwichtig wie ob die nostalgischen Gefühle, die die Songs erzeugen, zu echten Erinnerungen gehören oder zu ausgedachten. Das Magische an dieser Musik, und warum sie heute auf einmal bei so vielen Menschen Gefühle auslöst, hat letztlich nichts damit zu tun, ob sie echte Erinnerungen triggert, oder nur die ästhetische Imitation einer Erinnerung. City Pop ist die Vergangenheit, die ihre Hand ausstreckt. Die uns erinnert, dass es die Welt schon vor langer Zeit gab, und dass nichts und niemand das auslöschen kann, was einmal passiert ist. Und um die Hand zu nehmen, müssen wir nur zuhören.


Außerdem

  • Ich habe diese Woche ca. 3 Stunden Lebenszeit verschwendet, um komplett in dem TikTok-Kanal von Ben Awad zu verschwinden. Ähnlich wie das Metaverse ist das Phänomen hier unmöglich zu beschreiben, man kapiert es nur, indem man es erlebt. Ich empfehle hier den Account (und die Comments, die 95% des Contents ausmachen) sowie diese Vox-Reportage. tiktok.com vox.com

  • Kevin Roose’ irres Stück über die Blockchain-Konferenz NFT.NYC und ultrareiche Lifestyle-Krypto-Bros bestärken mich darin, unbedingt mal was über das moderne Image der Blockchain schreiben zu wollen. Vielleicht klappt es nächste Ausgabe. nytimes.com

  • Verschwörungstheorien sind zum normalisierten Alltag geworden, durch den sämtliche kulturellen Ereignisse durchmüssen. Aktuelle Beispiele sind die Katastrophe bei Travis Scotts Astroworld-Festival… motherjones.com und, tatsächlich, die Neuauflage von Wetten, dass. youtube.com

  • Dass YouTube seine Dislikes abschafft, finde ich persönlich vielleicht eher schlecht als gut - jedoch sind meine Emotionen zu dem Thema deutlich weniger ausgeprägt und druckreif wie die von Sebastian Meineck, der die Änderung aufs Härteste begrüßt. netzpolitik.org

  • Dieses Essay bringt ein plausibles Argument vor, warum eine Content-Policy eines nischigen Message Boards im Jahr 2003 indirekt für den Sturm auf das Kapitol 2021 verantwortlich war. Deepdive für Leute, die sich für die Geschichte von Message Boards und Internetkultur interessieren. maxread.substack.com

  • Ich habe für den Bayerischen Rundfunk eine Radiosendung über die Creator Economy gemacht. Zu hören sind u.a. die Chefetage von Wattpad, Mixdown-Autorin Denise Fernholz und Metaverse-Papa Matthew Ball. pod.link


Die gute Seite

Dieser “Song” samt Animation wurde Mitte der 90er Jahre für die BBC-Lernserie “Hallo aus Berlin” produziert. Weil der Clip den Eindruck macht, als hätten ihn ein paar zugekokste deutsche Psychopathen mit dem Hauptziel konzipiert, britische Kids zu traumatisieren, hat er in den letzten Jahren ein zweites Leben gefunden.

Warnung: Der Song geht einem nie mehr aus dem Kopf.

Und, wie bei City Pop und Ben Awad: Die Hälfte der Magie steckt in den Comments.


🇯🇵,

gregor