Besitz und Status im Internet

Fortnite-Skins, Privatjets, Blockchain

das hier ist cool genug - ein newsletter über digitale kultur.

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Own the internet

Eines der Lieblingswörter der linken Ecken des Internets ist der “Spätkapitalismus”. Populär geworden via Twitter und den Subreddit /r/latestagecapitalism umfasst der Begriff alles, was an unserem Wirtschaftssystem nicht zu funktionieren scheint - und suggeriert, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis der Kapitalismus als weltweit dominante Wirtschaftsform abgelöst wird. In der Regel sind die gleichen Menschen, die den Kapitalismus am Ende sehen, auch die, die auf ein unausweichliches Erstarken des Kommunismus warten.

Das Ende des Kapitalismus herbeizuschreiben, ist eine der Lieblingsdisziplinen im Großen Online-Spiel geworden. Allein über das letzte Jahr haben sich auf Google so viele “Der Kapitalismus ist am Ende”-Thinkpieces angesammelt und Fridays 4 Future sich politisch so weit nach links bewegt, man könnte fast meinen, die junge, kulturell tonangebende Generation würde am liebsten Hammer und Sichel auf das Logo der Vereinten Nationen sprayen. “Imagine no possessions”: John Lennons Traum, zum Greifen nah…

Die Realität sieht aber, natürlich, anders aus.

Nämlich so:

A post shared by @hedgefonds.henning

Erklärung dieses Memes: Links sehen wir einen der kostspieligen AirPods Pro, rechts einen der klassischen und günstigeren AirPods. Die links taugen also besser als Statussymbol als die rechts.

Dieses Meme von Instagrams größtem BWL-Troll @hedgefonds.henning ist natürlich eine übertriebene Provokation. Aber es fasst ganz gut zusammen, wie viele junge Menschen die Welt sehen:

Haste was, biste was.

Die großen kulturellen Bewegungen im Internet sind alle stark an diese Maxime gekoppelt. Im Gegensatz zu den frühen Jahren des Web 2.0, als man sich im Netz noch meist auf Augenhöhe begegnen konnte und selbst Millionen Dollar einem kein besseres MySpace-Profil verschafften, werden Besitztümer und Privilegien heute immer fester in den Institutionen und Plattformen der digitalen Welt verankert.

“Imagine no possessions…” ist im Netz mittlerweile fast unmöglich. Und jedes Jahr weniger.

Warum, zeigen diese Geschichten:

Own Videopiele

Fortnite, das zeitweise beliebteste Videospiel der Welt, ist gratis. Wer mag, kann sich Fortnite auf sein Smartphone oder seine Konsole ziehen, direkt loslegen und mit Freunden oder Wildfremden um die Wette ballern.

Nur erlebt diese Person dann folgendes: Während die anderen Spieler um einen herum schicke Outfits und Looks (sogenannte “Skins”) haben und als Boba Fett, Iron Man oder John Wick spielen, muss die Gratis-Person mit dem “Default-Skin” spielen: Dem spartanischen Look eines generischen Actionhelden.

Wäre Fortnite nur ein Spiel, in dem taktisches Denken und schnelle Finger gemessen werden, wäre das natürlich egal. Aber Fortnite ist für viele Kids eher eine Art Social Media-Plattform - ein Ort zum Rumhängen und sich ausprobieren.

Für Jugendliche, denen jede Ausrede recht ist, um einander fertigzumachen, kann ein “Default Skin” deswegen fast so etwas sein wie ein soziales Todesurteil. Einigen Medienberichten zufolge ist es für viele Fortnite-Anfänger deswegen ein Muss, sich erst einmal für echtes Geld einen coolen Skin zu kaufen. Angeblich bezeichnet als “Anti-Bullying-Skin”.

Fortnite ist in dieser Hinsicht sehr clever konstruiert. Das Spiel selbst kostet kein Geld - die Einnahmen stammen aus Einzelkäufen innerhalb des Spiels. In diesen Einzelkäufen werden zum Beispiel Skins oder Waffen erworben, die die eigene Figur cooler aussehen lassen - auch wenn das der Spielerin im Game überhaupt keinen Vorteil verschafft.

Viele der Skins sind nur für kurze Zeit verfügbar, oder erforden ein besonders hohes Skill-Level. Und theoretisch kann man die In-Game-Währung “V-Bucks”, mit der all diese Gegenstände erworben werden, auch durch gutes Spielen anhäufen. Aber es ist eben doch sehr viel einfacher, diesen Weg mit der Kreditkarte abzukürzen.

So signalisiert der Look eines Spielers im Game automatisch auch etwas über die Person dahinter: Entweder er ist besonders gut, oder besonders reich, oder er ist schon besonders lang dabei. Alles sind - in unserer Gesellschaft zumindest - begehrenswerte Eigenschaften.

Own Instagram

Vorteil, einen Privatjet zu besitzen: Ein Privatjet kommt auf Instagram gut an.

Nachteil, einen Privatjet zu besitzen: Ein Privatjet kostet viel Geld.

Die Lösung: Ein Raum, der so aussieht wie ein Privatjet, und den man sich stundenweise für eine Fotosession mieten kann.

Das ist keine absurde Idee für ein Kunstprojekt, sondern in Los Angeles nüchterne Realität, wo zahlreiche Influenerinnen und Influencer bereits auf das Studioangebot zurückgegriffen haben. Für 64 Dollar die Stunde.

Man kann das als Skurrilität abtun, aber es hat Methode. Mini-Schwindeleien über das, was man sich leisten kann, gehören zu vielen Instagram-Accounts heute fest dazu. Und es muss nicht einmal so aufwendig sein wie im Jet-Studio - manchmal reicht es schon, ein Bild vom Äußeren eines Privatjets zu posten, während man gleichzeitig wie alle anderen in den Linienflug steigt.

Für die meisten Influencerinnen und Influencer ist die Darstellung von Reichtum so wichtig wie die Darstellung von Filmcharakteren für Schauspieler. Es ist das, wovon der eigene Erfolg abhängt. Fake it til you make it.

Zwar ist “Auf Instagram ist alles fake” kein neuer Spruch und es gibt sicher Leute, die sagen würden, dass es sie nicht kümmert, ob ihr Lieblings-Insta-Girl wirklich auf Bali ist oder nur so tut. Trotzdem geben sich diese Leute Mühe, ihren Besitz als möglichst legitim und echt darzustellen - und andere Leute überprüfen, ob das so stimmt.

@munichwristbusters ist ein populärer Instagram-Account, der die Uhren von Influencern und Rappern per Ferndiagnose auf ihre Echtheit überprüft. Der Account hat ein gigantisches Publikum. Und in den Kommentaren sammeln sich zuverlässig hämische Sprüche gegenüber den ertappten Fake-Uhren-Besitzern.

Haste das Falsche, biste das Falsche.

Own the internet

Was ist der Reiz der Blockchain?

Seitdem das Konzept der Blockchain existiert, versuchen Leute, es Außenstehenden zu erklären. Viele dieser Erklärungen klingen wie das Gefasel von Wahnsinnigen. Und ich habe volles Verständnis für alle, die die Blockchain nach wie vor für großen Schmarrn halten (auch wenn sich meine Meinung dazu über das letzte Jahr ziemlich gedreht hat).

Aber die beste Erklärung für den Reiz moderner Krypto-Anwendungen habe ich kürzlich von jemandem gelesen, der selbst gar kein großer Blockchain-Fanatiker ist - nämlich Garbage Day-Autor Ryan Broderick. Er schreibt:

I think there is a real human desire to own internet content. […] This technology won’t usher in some kind of techno utopia. Everything always replaces old problems with new ones. But I don’t think it’s a dumb fad either. It might be pointless and idiotic, but it’s not random. People are saying the internet is real to them and they want to own pieces of it.

Viele denken beim Begriff Blockchain immer noch an Bitcoin, den Urvater der Kryptowährungen. Bitcoin ist aber nur für eine Sache gut: Digitales Geld, das hin und her transportiert werden kann. Das war’s.

Darauf aufbauend haben sich heute viel komplexere Krypto-Systeme gebildet: Ethereum, Cardano und Solana z.B. Die wollen nicht weniger sein als das Betriebssystem des Web 3.0. Und anders als das Web 2.0, welches fest in den Händen einiger großer Konzerne liegt, kann das Web 3.0 uns allen gehören. Zumindest, wenn wir Teile dieses Webs kaufen und halten: Zum Beispiel in Form von NFTs, oder von Kryptowährungen wie ETH (die Währung, die zu Ethereum gehört) und ADA (die Währung, die zu Cardano gehört), mit denen man per “Proof of Stake” einen kleinen Beitrag zur Gesamtfunktion der Blockchain leisten kann. (Diesen letzten Satz musst du nicht unbedingt verstehen: Stell dir einfach vor, das Internet wäre ein großes Parlament und je nachdem wie viele Sitze du besetzt, desto reicher und mächtiger bist du. Ein Sitz ist dann quasi eine Einheit der Kryptowährung ETH.)

So lautet zumindest die Theorie der Krypto-Fans. Tatsächlich bilden sich in dieser Vorstellung des Web 3.0 aber direkt neue Probleme: Reiche haben eine große Kontrolle über das Geschehen im Netz, Arme eine sehr kleine. Die ständigen Preissteigerungen von Bitcoin und Ether nutzen vor allem denen, die es sich leisten können, dort viel Geld hineinzustecken: Also wieder den Reichen. Und auch wenn es gute Argumente dafür gibt, dass NFTs eine demokratischere Variante des klassischen Kunstmarks darstellen könnten, sie sind immer noch vor allem ein Spielplatz für die, die es sich leisten können, viel Geld zu verlieren.

Ist Krypto also wirklich die Zukunft? Das beste Argument dafür ist womöglich überhaupt kein moralisches oder technisches, sondern einfach die Beobachtung, dass moderne Krypto-Anwendungen bereits heute genau so funktionieren wie Fortnite und Instagram. In Videospielen, in sozialen Medien, und auf der Blockchain… überall sind Besitztümer gleichbedeutend mit Status. Weil sie anderen signalisieren, dass wir entweder…

  • …besonders früh dran waren (ein klassischer exklusiver Fortnite-Skin, den es heute nicht mehr gibt -> eine Kryptowährung, die früher viel günstiger war als heute)

  • …besonders gut sind (ein Fortnite-Achievement -> eine gelungene Investition in eine neue Kryptowährung, deren Wert schnell steigt)

  • …besonders reich sind (alle Fortnite-Skins, die man mit Geld kaufen kann -> alle NFTs, die man mit Geld kaufen kann)

Die Blockchain institutionalisiert eine Idealvorstellung des modernen Kapitalismus: Reiche haben es leichter. Aber wenn du besonders schlau oder hartnäckig bist, dann kann es jeder nach oben schaffen. So zumindest die Theorie.

Vielleicht kommt ja nach dem Spätkapitalismus gar nicht der Kommunismus. Sondern einfach der Onlinekapitalismus.


Außerdem

  • Eine der dämlichsten Rechtsauslegungen des Internet-Zeitalters ist Geschichte: Markennennungen auf Instagram-Posts müssen nicht mehr automatisch als Werbung gekennzeichnet werden. Danke, Cathy Hummels. rnd.de

  • Das “Anti Fan Phenomenon”: Menschen, die sich in Communities zusammenschließen, nur um einen Promi zu haten. every.to

  • TikTok hat endlich sein Fan-Theorien-Stadium erreicht, d.h. das, wo Tumblr schon 2013 war. Macht Spaß. okayzoomer.substack.com

  • Irrer Bericht darüber, dass einige junge Zuschauer*innen des Tourette-YouTubers “Gewitter im Kopf” selbst Tourette-artige Symptome entwickeln. wired.co.uk

  • Die chinesische Regierung erteilt der Jugend des Landes Videospielverbot. br.de

  • Salman Rushdie schreibt sein nächstes Buch auf Substack. Willkommen, Kollege! guardian.co.uk

  • ShlinkedIn. Wie LinkedIn, nur lustig. shlinkedin.com

  • Rave.DJ ist eine tolle KI-Seite, die Mashups zwischen allen erdenklichen Songs erstellt. Einfach mal ausprobieren, hier kann man sehr gut mal zwei Stunden vertrödeln. Die besten Resultate hat man mit Tracks, die ein ähnliches Tempo, aber völlig unterschiedliche Genres haben. rave.dj


Das Meme


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gregor