Auf der Suche nach dem seltsamsten Newsletter der Welt

Wo ist die Newsletter-Counterculture +++ YouTube sperrt MiiMii +++ Sea Shanties sind eine Lüge

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Hier sind die drei seltsamsten Newsletter, die ich finden konnte

Alles Gute auf Social Media kommt aus den Nischen.

Ohne komische Vögel wie ZeFrank und die Vlogbrothers, die Mitte der 00er-Jahre auf die Idee kamen, ihren Alltag in kleinen Schnipseln auf YouTube zu verarbeiten, hätten wir keine Vlogging-Kultur.

Ohne die verrückten Sherlock-Mädchen auf Tumblr hätten wir keine Stan-Kultur.

Ohne die gnadenlosen Trolle auf 4Chan und Reddit wäre nie das moderne Meme entstanden.

Auch heute noch sind die besten Ecken der Social Media-Plattformen in der Regel die, die sich trauen, merkwürdig und unangepasst zu sein - bis sie irgendwann so beliebt werden, dass ihr Stil vom Plattform-Mainstream kaum noch zu unterscheiden ist.

Da ist der legendäre Twitter-Autor dril, der quasi im Alleingang den modernen Twitter-Humor erfunden hat und nicht nur meiner Meinung nach den Literaturnobelpreis verdient hätte

Und aktuell gibt es jede Menge unfassbar lustige junge Leute auf TikTok, die die geleckte Karaoke-Atmosphäre ihrer Plattform selbst am besten verarschen:

Aber was ist mit Newslettern?

Newsletter sind im Moment eines meiner Lieblingsformate im Internet. Ich kann selbst steuern, was ich wie bekomme, ohne dass ein Algorithmus mir dazwischenkackt. Ich kann Longreads und Social Media-Links von echten Menschen vorgesetzt bekommen und nicht von Mark Zuckerberg. Und zumindest alle Newsletter, die ich abonniert habe, sind auch wirklich gut.

Das Ding ist nur: So großartig der Online-Recherche-Newsletter und Hacker News und Garbage Day und Johannes Klingebiels Zine auch sind… Sie sind nicht gerade weird. Sie sind tolle Produkte von tollen Leuten. Aber sind sie die unangepasste Ästhetik-Counter-Culture, die auf TikTok und Twitter das Geschäft belebt?

Ich habe mich über die letzten Tage auf die Suche gemacht nach seltsamen Newslettern. Formaten, die aus dem klassischen Blogging/Linksammlung-Duopol ausbrechen, welches das Newsletter-Game (inklusive natürlich meinen eigenen, oops) fest in den Klauen hält.

Irgendwo muss doch die Counter-Culture der Newsletterkultur stattfinden. Oder?

Hier sind die besten Versuche, die ich gefunden habe (deutschsprachig ist leider keiner davon):

The Weirdy Wordy

Dieser Newsletter gibt sich als Zeitung der fiktionalen Ortschaft Oddland aus - in der allerlei seltsame Dinge passieren. Das Konzept erinnert an den Fantasypodcast Welcome to Night Vale, schubst das Ganze durch das unpersönliche Format der “gedruckten” Zeitung nochmal in eine etwas andere Richtung. Ich mag The Weirdy Wordy sehr gerne - und gehe deshalb davon aus, dass das Teil außer mir nur drei weitere Leute lesen.

Heir Mail

Vox-Autorin Meredith Haggerty hat als vielleicht erste Person das Konzept eines Kult-Newsletters geknackt: Mit einer Prämisse, die nicht funktionieren sollte, unmöglich von jemand anderem kommen würde und trotzdem eine Fanbase um sich herum aufbaut: Seit einigen Monaten hat Meredith Haggerty einen Google-Alert für das Wort “heiress” (etwas veraltet/herrschaftliches Wort für “Erbin”) laufen - und schreibt über alles, was darunter auftaucht. Es gibt wiederkehrende Storylines, Fan Favorite-Charaktere und nebenbei inhaltlich angedockte Gesellschaftskritik. Wirklich ziemlich cool.

Thanks, I Hate It

Eleanor Margolis schreibt über Flüche und satanische Mythen - alles, was irgendwie mit dem Finsteren und Bösen zu tun hat. Das Konzept an sich ist lang nicht so eigenartig wie meine anderen Beispiele (was schon einmal zeigt, dass es leider keine große Auswahl an wirklich weirden, guten und trotzdem langlebigen Newslettern gibt), aber kein anderer Newsletter in meiner Inbox wird von mir so verlässlich gelesen, obwohl er überhaupt nichts mit meinem Beruf oder Hobbys zu tun hat. Ich empfehle vor allem ihren Deep Dive in den Onlinehandel mit angeblich verfluchten Spielzeugpuppen.

Ich wünsche mir mehr von all dem. Mehr wilde Experimente im Newsletterformat. Und (das ist vermutlich direkt das nächste Problem) solide Discovery-Möglichkeiten für diese Formate. Und wenn ich schon dabei bin, wünsche ich mir ein Pony. 🐎


Wie gesperrt ist es, und warum?

Wenn Alex Jones, Donald Trump oder KenFM von den großen Social Media-Plattformen geworfen werden, druckt die FAZ drei Sonderausgaben. Also gefühlt jetzt.

Wenn einer der einflussreichsten deutschen Creator auf YouTube von einem Tag auf den anderen von der Plattform fliegt, erfährt man dadurch nur über Streamer wie Unge, den Lästerschwestern-Podcast und SEO-Futter auf Nischenwebsites. Es gibt keine Debatte, keinen öffentlichen Druck außerhalb der üblichen YouTube-Drama-Blase.

MiiMii ist (war) ein “Drama”-YouTuber - eine wachsende Kategorie von YouTubern, die in erster Linie Videos darüber machen, wie scheiße andere YouTuber sind. Anders als viele seiner Berufsgenossen hat sich MiiMii aber nicht nur auf Disses und Gerüchte beschränkt - sondern auch Themen aufgearbeitet, die andere nicht mal in ihre Suchleiste lassen würden.

Über das letzte Jahr war das vor allem ein (meinem Verständnis nach durchaus glaubhafter) Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen zwei der größten YouTuber Deutschlands - ApoRed und Leon Machere. Die Geschichte ist messy, unglaublich kompliziert und könnte immer noch vor Gericht enden. Und inmitten von all dem verliert MiiMii seinen Kanal. Von einer Sekunde auf die andere. Und für YouTube scheint die Angelegenheit kaum von öffentlichem Interesse zu sein.

Höchstwahrscheinlich werden wir diese Woche mehr darüber erfahren, was da los ist. Im Moment ist das alles ein Reminder für folgende Dinge:

  1. Auch YouTuber, die nicht in der “echten Welt” bekannt sind, sind relevante Medienthemen.

  2. Wer seinen Lebensunterhalt von einer Plattform abhängig macht, riskiert jeden Tag, diesen zu verlieren.


Die Wellerman-Lüge

In den zwei Wochen ihrer Hochzeit haben die TikTok-Sea Shanties rund um den “Wellerman” mir ziemlich viel Spaß gemacht - vor allem weil es eine sehr offline Sache ist (alte Seemannslieder), die auf sehr online Weise umgesetzt wurde und dabei so gut funktioniert, als hätten die Matrosen 1850 schon die TikTok-Duettfunktion im Sinn gehabt.

Außerdem hatte ich nicht einen einzigen kulturkritischen Artikel zum Thema gelesen - nicht weil es keine gegeben hätte, sondern weil ich keine Lust hatte, mir das Phänomen durch irgendeine kunsthistorische Perspektive entzaubern zu lassen.

Das hat sich letzte Woche geändert.

Wie das Academia-Portal JSTOR Daily berichtet, sind die Sea Shanties auf TikTok überhaupt keine Sea Shanties - sondern “Sea Songs”.

In 1928, scholar William Saunders wrote: “The essential thing in the singing of a shanty…is rhythm.” The lyrics are less critical: Often, the words were made up “entirely by the whim or impromptu powers of invention.” According to Whates, these simple, rhythmic tunes were meant to “[extract] just that last ounce from men habitually weary, overworked and underfed.” […]

A storytelling romp like “Wellerman” probably wouldn’t have been used to keep time while raising the anchor or hauling a halliard. In the eyes of scholars like Saunders and Whates, “Wellerman” would fall under the category of “sea-song.” The sea-song “has no conscious utilitarian purpose whatever,” writes Saunders. Instead, these songs are meant to be a “source of convivial entertainment, or purely aesthetic pleasure.”

Ein Essay aus dem Jahr 1928 korrigiert hiermit eine Bezeichnung aus dem Jahr 2021 für ein Lied aus 1860.

Genau meine Art von Feuilleton.


Außerdem


Und nun… das Meme

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bis nächste woche, in der dieser newsletter immer noch nicht weird genug sein wird.

🤷🏻‍♂️,

gregor

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